New York, Ende November

Im Dezember 1955 hatte die amerikanische Industrieproduktion ein Rekordvolumen erreicht, so daß der Produktionsindex des Federal Reserve Board zum ersten Male bis auf 144 v. H. des Durchschnitts der Jahre 1947 bis 1949 ansteigen konnte. Dieses Niveau hat er allerdings nicht lange behaupten können, und während der ersten acht Monate des laufenden Jahres hat es auch an Faktoren nicht gefehlt, die auf einen Rückgang im Produktionsvolumen hinwirkten; dazu gehörten die Fabrikationseinschränkungen in der Autoindustrie, die Unterbrechung der Stahlerzeugung während des Streiks vom Sommer und die wenig günstige Lage der Textilindustrie und anderer Wirtschaftszweige. Wenn man gesehen hat, wie in manchen Spinnereien des Südens die Garnlager zunahmen, weil die Webereien keine Aufträge für Autositzbezüge hatten, und wenn man sich vergegenwärtigt, welche Auswirkungen der Stahlstreik auf die Beschäftigung der stahlverarbeitenden Industrien und auf die Frachteinnahmen der Eisenbahnen gehabt hat, dann ist man immer wieder überrascht von dem Ausmaß und der Mannigfaltigkeit der hiesigen Wirtschaft, die alle Rückschläge absorbieren konnte, ohne daß es zu ernsthaften Störungen der Konjunktur gekommen wäre. Im September d. J. konnte sogar schon wieder das Produktionsvolumen vom vorigen Dezember erreicht werden, und in der First National City Bank of New York meint man, daß die Industrieproduktion vom Oktober noch darüber hinausgegangen ist.

Die Konjunktur hat also wieder neue Höhen erreicht, deren Aufrechterhaltung für den Rest des laufenden Jahres gesichert erscheint. Alle Anzeichen sprechen nämlich für ein größeres Weihnachtsgeschäft als je zuvor, das nach Ansichten, die aus den Kreisen des Einzelhandels bekanntgeworden sind, noch um 2 bis 8 v. H., vielleicht sogar noch um mehr, über dem des Vorjahres liegen wird. Diese Situation muß man sich vor Augen halten, wenn man die Prognosen verstehen will, die in diesen Tagen von Sinclair Weeks, dem Secretary of Commerce in Washington, bekanntgegeben worden sind. Die Prognosen geben die Auffassungen wieder, die man in der Regierung und in den führenden Wirtschaftskreisen hat.

Sie, gehen von der Annahme aus, daß die Produktion während der ersten sechs Monate des kommenden Jahres noch weiter zunehmen wird. Zur Begründung wird darauf hingewiesen, daß das Volumen der nicht ausgeführten Aufträge innerhalb der gesamten Industrie zur Zeit noch um 10 Mrd. $ über dem des Vorjahres liegt, und daß es aller Voraussicht nach in den kommenden Monaten noch weiter zunehmen wird. Das erscheint auch durchaus plausibel. Denn allein in der Stahlindustrie brauchte man etwa vier Monate, um die Auftragsrückstände aufzuarbeiten, und immer noch liegt das Volumen der neuen Aufträge über dem der Stahlerzeugung. Eugene G. Grace, der Aufsichtsratsvorsitzende der Bethlehem Steel Corporation, des zweitgrößten Konzerns der amerikanischen Stahlindustrie, hat kürzlich erklärt, daß man für das erste Halbjahr 1957 mit voller Beschäftigung rechnet, eine Feststellung, die unter den gegebenen Umständen bestimmt nicht überraschen kann. Die Rentabilität einer Wirtschaft ist aber nicht nur von einem hohen Produktionsvolumen abhängig, mindestens ebenso wichtig ist ein ausreichender Absatz zu befriedigenden Preisen, und in dieser Beziehung bestehen zur Zeit in manchen Kreisen gewisse Bedenken...

An eine Änderung der restriktiven Geld- und Kreditpolitik ist zur Zeit bestimmt nicht zu denken. Immer wieder wird darauf, hingewiesen, daß in einer Periode der Hochkonjunktur die reichlichere Gewährung von Krediten nur zu einer stärkeren Nachfrage nach den vielfach schon knappen Materialien und Waren und demzufolge zu einer Steigerung der Preise führen würde. Solche Auffassungen kamen auch im November-Bericht der Guaranty Trust Company of New York zum Ausdruck, in dem es heißt, daß die bestehende Geldknappheit bisher wenigstens den Ablauf des Wirtschaftsprozesses nicht ernsthaft behindert habe. Sicherlich höre man Klagen über das unzulängliche Kreditvolumen und über die hohen Kreditkosten, aber wesentlicher sei doch die Tatsache, daß sich die Wirtschaft zur Zeit in einem Stadium der Hochkonjunktur befände, und daß die vorhandenen Produktionsmittel voll tusgenutzt würden. Übrigens ist auch die Zahl der Arbeitslosen auf weniger als zwei Millionen heruntergegangen. So niedrig ist sie seit Ende 1953 nicht mehr gewesen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich darunter noch sehr viele hochqualifizierte Arbeitskräfte befinden.

In der Leitung der Finanzierungsgesellschaften, die sich mit der Durchführung von Abzahlungsgeschäften befassen, ist man im Hinblick auf die Auswirkungen der jetzigen Kreditpolitik doch nicht ganz so optimistisch. Auf einer Tagung der American Finance Conference, Inc. hörte man die Auffassung, daß es schwer sein würde, die zusätzlichen Mittel zu erhalten, die während des nächsten Jahres gebraucht würden. Und einzelne Teilnehmer meinten, daß sich die Geldknappheit bei der Finanzierung des Absatzes von Automobilen auswirken würde. Die Händler würden nicht in der Lage sein, alle die Wagen abzusetzen, die die Industrie herzustellen beabsichtigt.