New York, im November

Diese Ten Commandments („Zehn Gebote“) sind eine farbige Breitwand-Neuauflage des alten „stummen“ Kolossalfilms. Die Paramount-Firma hat 14 Millionen Dollar und drei Jahre Dreharbeit in dieses, zumindest optisch phantastische Unternehmen gesteckt, das mit vier Stunden Spieldauer einen Rekord darstellt. Die gigantische Anhäufung tumultuarischer Massenszenen und die dynamisch hereinbrechenden Wunderereignisse ermüden niemals richtig oder übersteigern die mitunter wirklich ergreifende Wirkung. Die „treue Gestaltung des Bibelwortes“, auf die der Regisseur Cecil de Mille sich beruft, geschah in der Tat oft mit einer Genauigkeit, die der modernen Filmtechnik ehrliche Probleme auferlegte. Die Darstellung erschüttert durch eine Art grandioser Naivität und durch ihren Mut zum gläubigen Bekenntnis. Die gewissen de Mille-Vollkommenheiten der Massenbewegung sind reichlich vorhanden.

Die „filmdichterische“ Wirkung aber erbringt eher eine Reihe sehr geschlossener Schauspielerleistungen. Der Moses Charles Hestons, eines bisher weniger bekannten Darstellers, erscheint in allen Lebensphasen des großen Volksführers lebensvoll und leidend, und der Ramses Yul Brynners ist die scharfgeschnittenste Gestalt. Die geschmeidige Anne Baxter, die – nebenbei reichlich „erdichtete“ – Pharaotochter, gibt Profile und Konturen von präziser Kraft.

Es ist eine „Filmschau“, die den Luxus des raffinierten Aufgebots in den Dienst einer richtigen Bibelstunde stellt. Daher hindert ein gewisser Respekt die kritische Zerfaserung. Die Gefahr eines überdimensionalen Tableaukitsches wurde übrigens sorgfältig vermieden: die stilleren psychologischen Wirkungen überwiegen durchweg die pathetischen. Dazu mußte freilich – und nur auf angebliche Papyrusfunde gestützt – Moses als ägyptischer Siegesgeneral erscheinen, als Liebesrivale Ramses’, als freiwilliger Sklavenarbeiter, als Wüstenwanderer ... Hier schlägt das alte Hollywoodprinzip weidlich durch, zu überraschen und zu verblüffen, und plötzlich ist dann immer wieder an Stelle einer Bibelwiedergabe gleichwohl die „Story“ da, breit ausgemalt, in jedem Sinne malerisch und mit reichlicher Edelmut-Rührsamkeit beladen. Auch des Ramses zerknirschtes Bekenntnis zum „einzigen“ Gott ist eine kühne de Mille-Huldigung vor dem Wunsch und Willen des Publikums. Alles in allem: Vier Stunden Bibelunterricht, verzuckert durch typische Atelierromantik.

Giant (Der Riese) ist die Verfilmung des von Edna Ferber, farbig, spannend und dabei oft ergreifend erzählten Romans. Mit diesem „Riesen“ meinte sie den in jedem Sinne überdimensionalen Staat Texas. Den Filmtext für diese Warner Brothers-Darbietung – wieder ein an sich gigantisches Über-Drei-Stundenwerk auf der farbigen Breitwand – haben Fred Guiol und Iwan Moffat geliefert; und sie haben die Hauptthemen festgehalten: den Wettlauf in der Großmannssucht zwischen der alten Ölaristokratie und den weitaus rüderen Emporkömmlingen und Zusammenraffern, die Mißachtung und mitunter auch Mißhandlung der mexikanischen Urbevölkerung und die komplizierte Familiengeschichte des Petroleumbarons. Der Regisseur George Stevens hat daraus eminente Bildwirkungen gezogen: seine Riesenranches mit ihren Palastbauten, seine Hotel- und Bankettsäle, stupende Privatflugplätze, seine Fest- und Racheorgien haben Großformat auch mit ihren realistischen Einzelheiten. Es tritt dabei freilich jedes etwa sozialkritische Moment entschieden zurück, es ist aber gelungen, den Ursprung der Großmannssucht der Texaner nicht nur optisch aufzuzeigen.

Das Ehepaar der Haupthandlung wird von Elizabeth Taylor und Rock Hudson gespielt. Von ihr mit einer erstaunlich anhaltenden Zartheit durch alle Lebensalter hindurch, wobei die schöne Filmdiva schließlich mit anerkennenswerter Selbstüberwindung eine bezaubernd weise alte Lady verkörpert. Hudson gelingt es dafür, den bis zu reichlichen Übertreibungen vorurteilsbesessenen Randkönig menschlich zu schattieren und abzudämpfen Den packendsten Erfolg hat aber James Dean (Jenseits von Eden) den bereits eine von seinen Verehrern geschaffene, so vielfältige wie umstrittene Legende umkränzt. Er ist des Films ellbogenstarker bad boy, der knurrige Stallbursche des Beginns und der übermutstrunkene Millionär des Filmschlusses. Er ist es mit einer tückisch schleichenden Verhaltenheit in Wort und Geste, hinterhältig, träge, mürrisch und höhnisch ausfällig. Er schaff: damit eine Gestalt, die inmitten der üblichen Filmbösewichte ein vitales und schillerndes Original darstellt. „Giant“ ist – etlicher Ausflüge ins Gefällige wegen – kein Meister-, aber ganz entschieden ein Musterwerk für eine Roman Verfilmung, die Geist, Verve und verkappte Ironie der Dichtung gewissenhaft bewahrt.

Ebenfalls drei Stunden Spieldauer (und das im tief und breit leuchtenden Farben-Halbrund des neuen „Todd-AO“-Verfahrens) beansprucht ein Jules-Verne-Filme. Der Amerikaner Michael Todd, ein Theaterunternehmer von populärer, oft sehr witziger, immer ungestümer Aktions- und auch Streitlust, hat hier seinen ersten Film geboten auf eine so kolossalische Manier, daß sie fast an Selbstkarikatur grenzt, dennoch aber immer belebt und belebend bleibt, sprühend von geheimer ironischer Laune