Nach „äußerst schwierigen Verhandlungen“, so hieß es kürzlich aus Berlin, sei es wieder gelungen, Warenlisten für den Interzonenhandel im nächsten Jahr zu vereinbaren. Das theoretische Gesamtvolumen soll, wie schon 1956, erneut auf jeder Seite eine Milliarde Verrechnungseinheiten betragen, und abgesehen von geringfügigen Abweichungen werden sich ebenfalls die vier Unterkonten auf der Vorjahreshöhe bewegen, wenn auch aus technischen Gründen an die Stelle der bisherigen Unterkonten I. bis IV die neuen Ziffern V bis VIII getreten sind. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Auffassungen beider Parteien über den jeweiligen Erfüllungsstand der Unterkonten. Während nämlich die westliche Seite seit Jahren eine einwandfreie Statistik über die jeweiligen Warenbewegungen führte, ist dies im Osten nicht der Fall. Um nun zu vermeiden, daß künftige Lieferungen oder Bezüge von der einen Seite auf die neuen und von der anderen Seite auf die alten Verpflichtungen angerechnet werden, sollen die alten Konten bis zur Erfüllung auslaufen und auf den neuen Konten erst danach Buchungen vorgenommen werden. Bei den für das Ende eines jeden Quartals vereinbarten Zwischenabstimmungen müßte sich dann ein zweifelsfreies Bild ergeben. Von den Warengruppen nehmen die mitteldeutschen Braunkohlenlieferungen insofern eine Sonderstellung ein, als schon jetzt bei einem vereinbarten Kontingent von 3,7 Mill. t ein Rückstand von 0,5 Mill. t feststeht, der bis zum Jahresende wahrscheinlich noch größer werden wird. Diese halbe Million Tonnen sind dem Lieferkontingent des nächsten Jahres zugeschlagen worden. Sollten sich dann ähnliche oder noch größere Rückstände auf dem Braunkohlenkonto ergeben, so würde zwischendurch über neue Wertgrenzen der westlichen Gegenlieferungen, die im wesentlichen aus Erzeugnissen der eisenschaffenden Industrie und des Bergbaues der Bundesrepublik bestehen, verhandelt werden müssen.

Wer unter den üblichen kaufmännischen und handelspolitischen Bedingungen an die Betrachtung eines derartigen Abkommens geht, wird sich kaum eine Vorstellung davon machen können, warum es dazu äußerst schwieriger Verhandlungen bedarf. Er wird meinen, bei Beachtung der in jedem Handelsabkommen, ja in jedem privaten Liefervertrag üblichen Gepflogenheiten sei nicht einzusehen, wo es hier einen besonderen Konfliktstoff geben könnte. Es sei doch einfach: Lieferungen oder Leistungen der einen Seite, die noch dazu in ihrer Höhe festgelegt sind, müßten durch Gegenlieferungen oder -leistungen oder durch Barzahlung ausgeglichen werden, und wenn ein Partner die Kredit- oder „Swing“grenze ständig und hartnäckig überschreitet, dann könnte man diesen Teil des Abkommens „einfrieren“ lassen, sofern man sich mit dem schwachen Partner nicht über etwaige andere Gegenleistungen einigt.

So nahe solche Gedankengänge liegen, so sehr gehen sie im Wesen und an der Technik des auf der ganzen Welt einzigartigen Interzonenhandels vorbei. Es gibt überhaupt kein vergleichbares handelspolitisches Schema, in das sich die jährlichen Vereinbarungen auf Grund des alliierten „Berliner Abkommens“ vom 20. September 1951 eingliedern lassen. Die Differenzen beginnen bereits bei dem wirtschaftspolitischen Ausgangspunkt. Während die Bundesrepublik und ganz besonders das an der Nahtstelle zwischen Ost und West gelegene Westberlin den Interzonenhandel als das wichtigste Bindeglied zwischen den politisch getrennten Teilen Deutschlands ansehen, von dessen reibungslosem Ablauf nicht zuletzt die relativ freie Verbindung Berlins mit dem Westen abhängt, läßt auf der anderen Seite schon die organisatorische Eingliederung des Interzonenhandels in eine Hauptabteilung des Ostberliner „Ministeriums, für Außenhandel und innerdeutschen Handel“ erkennen, daß die Sowjetzone darin nur eine bestimmte Form des Außenhandels erblickt.

Während die westliche Seite den innerdeutschen Charakter dieses Handels dadurch unterstreicht, daß sie in denkbar weitestem Umfang jeden Warenbezug durch entsprechende Warenlieferungen kompensieren will, hat der Osten in den jüngsten Verhandlungen seine völlig andere Konzeption u. a. durch das Angebot bewiesen, westdeutsche Eisen- und Stahllieferungen im Werte von 50 Mill. DM mit freien Devisen zu bezahlen. Sofern die spärlichen Devisenbestände der „Deutschen Notenbank“ in Ostberlin nicht aus dem Export der Sowjetzone in westliche Länder stammen, müssen sie auf Umwegen unter beträchtlichen Verlusten durch Verkauf der auf jährlich mindestens 120 Mill. geschätzten Westmarkeinnahmen beschafft werden, die aus dem Berliner S-Bahn-Verkehr, dem Eisenbahnverkehr zwischen Berlin und dem Bundesgebiet und dem Straßenzoll für die Benutzung der Interzonen-Autobahnen stammen.

Aber auch diese verschiedenartige Auffassung vom Wesen des Interzonenhandels erklärt noch nicht seine besonderen Schwierigkeiten. Sie zeigen sich bereits bei so scheinbar einfachen Fragen wie der Festsetzung der Wertgrenzen. Obwohl in übereinstimmender Fiktion als „Verrechnungseinheit“ eine DM-Ost gleich einer DM-West gilt, sind von den zahlreichen beiderseitigen Waren in jedem Abkommen nur die Braunkohlenlieferungen nicht nur dem Wert, sondern auch der Menge nach festgelegt; man ist sich also über den Preis einig. So kurios es geradezu klingt, so wahr ist es doch in der Praxis: während der Osten jederzeit dazu imstande ist, auf Grund der freien Wettbewerbswirtschaft des Westens einen genauen Überblick über die Preise seiner Bezüge zu erhalten, wird der Preis für die östliche Ware von dem staatlichen Außenhandelsmonopol, den DIA-Fachanstalten, jeweils so festgelegt, wie es dem Osten im Augenblick zweckmäßig erscheint.

Um bei der Praxis zu bleiben: wird zum Beispiel durch westliche Ausschreibungen ein Einfuhrkontingent von mitteldeutschen Kleinschreibmaschinen in Höhe von 1 Mill. Verrechnungseinheiten (VE) festgelegt, so weiß im Westen selbst dann, wenn es sich um nur eine Type des gleichen Herstellers handelt, im voraus niemand die Stückzahl der östlichen Lieferung. Genauso verhält es sich mit allen übrigen Warengruppen. Jeder westdeutsche Kenner der Planwirtschaft weiß aus eigener „tausendjähriger“ Erfahrung, daß Staatsmonopole ihre Preise nicht nach wirtschaftlichen, sondern nach politischen Gesichtspunkten festzulegen pflegen, ganz abgesehen davon, daß schon der „volkseigene“ Produzent keineswegs unbedingt nach dem Grundsatz der Rentabilität kalkuliert.

Damit ist das Kernproblem des Interzonenhandels angesprochen. Hier findet ein Warenverkehr zwischen zwei völlig verschiedenen Partnern statt, bei denen nicht nur die gleichen Worte der gemeinsamen Sprache unterschiedliche Bedeutung haben können, sondern wo selbst das Einmaleins der „einheitlichen“ Verrechnung nicht mehr unumstritten gilt. Während der Osten allein aus der Position des allmächtigen Staatsmonopols heraus verhandelt, beobachtet er mit kaltem Lächeln, wie sich auf der anderen Seite zahllose Konkurrenten mit individueller Kalkulation und einem qualitativ reichhaltig differenzierten Angebot um die Gunst seines Auftrages bemühen. Auch hierfür das praktische Beispiel: auf der letzten Leipziger Messe waren rund achtzig westdeutsche Weinhändler vertreten, die sich um ein Lieferkontingent in die Zone bewarben, das bei weitem niedriger als die Jahresbezüge manches einzelnen westdeutschen Großhändlers war. Sieht man von dem völlig nutzlosen Aufwand der meisten Bewerber ab, die für nichts in Leipzig mehr Spesen verbrauchten als selbst für die ergebnislose Teilnahme an einem halben man zend westdeutscher Fachausstellungen, so wird man eine solche Konkurrenz im Ernst kaum mehr als gesund bezeichnen können. Gegenüber einem solchen Partner wird der marktwirtschaftliche Grundsatz des freien Wettbewerbs zur Farce, und er wird geradezu selbstmörderisch, wenn man der seit Jahren von der Zonenpropaganda erhobenen Einderung nach einer völligen Liberalisierung der Einfuhren aus Mitteldeutschland nachkäme und damit der ohnehin bestehenden Gefahr eines Dumpings Tür und Tor öffnete.