Was bleibt demnach zu tun? Sollten wir aus Gründen der Selbsterhaltung den Rat derer befolgen (vor allem also der westdeutschen Flüchtlingsbetriebe), die in den Lieferungen der Zone nicht nur eine subjektiv unliebsame, sondern objektiv existenzbedrohende Konkurrenz sehen und daher ihre Einstellung fordern? Dem stehen, vom Westen her gesehen, nicht nur die politischen Rücksichten auf den Berlin-Verkehr und die Verbindung mit der Zone überhaupt entgegen, sondern auch echte wirtschaftliche Bedürfnisse. Wer etwa wollte im Ernst bestreiten, daß die westdeutsche Braunkohlenindustrie weder nach Menge noch nach Qualität imstande wäre, einen völligen Ausfall vor allem der Lieferungen aus dem Senftenberger Revier befriedigend auszugleichen? Auch die Tatsache, daß die Bundesrepublik und Westberlin trotz aller technischen Schwierigkeiten und wirtschaftlichen Strukturveränderungen hinter der Sowjetunion an zweiter Stelle der mitteldeutschen Lieferantenliste stehen, ist nicht nur nationalpolitisch von Bedeutung, sondern ein beträchtlicher ökonomischer Faktor.

Unter der Voraussetzung, daß man endlich auch an maßgeblicher Stelle der Bundesregierung zu einer klaren Konzeption über den Interzonenhandel gelangt, müßte es möglich sein, in gemeinsamer staatlicher und privater Initiative die Schwierigkeiten und Gefahren, die von der Natur des planwirtschaftlich und noch dazu sowjetisch orientierten Partners her drohen, zu beseitigen oder doch bis auf ein erträgliches Maß zu mildern, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten. Zweifellos gibt es dafür keine Patentrezepte. Aber wenn selbst ein allen zwangswirtschaftlichen Prinzipien so feindlich gesonnener Nationalökonom wie Wilhelm Röpke neuerdings in einer Untersuchung über den "Handel mit dem kommunistischen Imperium" (veröffentlicht in: "ORDO" – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, 8. Band, 1956) für den Westen aus diesem Dilemma keinen anderen Ausweg sieht, als "dem kollektivistischen Supermonopol mit den gleichen Waffen entgegenzutreten und ihm gegenüber die Methode staatlich koordinierter Geschäftsführung anzuwenden", – wenn auch andere über jeden politischen Zweifel erhabene Fachleute des Interzonen- und Ost-Westhandels sich zu dem Grundsatz "Monopol gegen Monopol durchzuringen beginnen, so scheint in dieser Richtung wirklich einer der wenigen gangbaren Wege zu liegen. Dies um so mehr, als trotz der gegenwärtigen politischen Erschütterungen innerhalb des bolschewistischen Ostblocks wohl (bei aller persönlichen und sachlichen Unzulänglichkeit) jeder von Pankow zu Interzonenverhandlungen delegierte Wirtschaftsfunktionär als ein Instrument des offensiven Weltkommunismus anzusehen ist, der aus Gründen der Selbsterhaltung zur Auseinandersetzung zwingt. Bei einigen Warengruppen des Interzonenhandels, so bei der Kohle, bei Grubenholz und einigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, haben die westdeutschen Lieferanten die Notwendigkeit eines einheitlichen Angebots erkannt und beginnen sich dem Pankower Partner gegenüber entsprechend zu verhalten. Hoffentlich kommt in Bonn kein Ministerialbürokrat auf den Gedanken, darin einen Verstoß gegen die Kartellgesetzgebung zu erblicken ...

Außer diesen wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Aspekten bietet der Interzonenhandel uns Deutschen aber eine Reihe nationalpolitischer Probleme, über deren vielleicht bedrängende Aktualität wir uns rechtzeitig klarwerden sollten. Von den Pankower Machthabern aus gesehen ist der Interzonenhandel unbestreitbar ein Teil der bolschewistischen "Politökonomie". Aber er ist für 17 Millionen Deutsche hinter dem Eisernen Vorhang auch eine lebenswichtige Versorgungsfrage, die in der rein wirtschaftlichen Diskussion allzuleicht übersehen wird. Noch lassen sich die Auswirkungen der politischen Erschütterungen innerhalb des Ostblocks auf die Versorgung der Zone nicht genau absehen. Bei aller Vorsicht in der Beurteilung dürfte jedoch feststehen, daß Ungarn in absehbarer Zeit wegen der unmittelbaren Schäden bei der militärischen Auseinandersetzung mit den Sowjets und der mittelbaren Ausfälle infolge des passiven Widerstandes der Bevölkerung als Lieferant der Sowjetzone kaum in Betracht kommt. Immerhin hat Ungarn bisher mindestens zehn Prozent der gesamten Nahrungsmittelimporte der Sowjetzone geliefert, darunter angesichts der chronischen Fettknappheit so wichtige Waren wie Marmelade und andere Fruchtkonserven.

Noch wesentlicher und in den Folgen unabsehbar aber sind die schon seit dem Frühjahr stark beeinträchtigten wirtschaftlichen Beziehungen zu Polen, das bereits vor Gomulkas Rückkehr wegen der ständig sinkenden Förderleistungen nicht mehr imstande war, die vereinbarten Steinkohlenmengen zu liefern, und nunmehr offensichtlich dazu auch nur noch willens ist bei entsprechend attraktiven Gegenlieferungen, zu denen das – noch dazu stalinistische – Grotewohl-Ulbricht-System nicht fähig ist. Ob die Sowjetunion selbst ungeachtet der Qualitätsunterschiede von sich aus die polnischen Ausfälle übernehmen kann und will, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Die mitteldeutsche Braunkohlenindustrie aber, deren Planrückstände selbst die Zentralverwaltung für Statistik in Ostberlin nicht mehr verheimlichen konnte, befindet sich gegenwärtig in einer der schwersten Krisen, die nach den Erfahrungen des Kälteeinbruchs im vergangenen Februar zu einer Katastrophe führen muß, sobald ein harter Winter einsetzt. Was der schon im letzten Winter nur um Haaresbreite vermiedene Zusammenbruch der Kohlesversorgung in einem Land bedeutet, dessen Eisenbahnen zu über 95 v. H. mit Rohbraunkohle fahren, dessen gesamte Energieversorgung auf der Braunkohle beruht und dessen Schwerindustrie direkt oder indirekt von diesem Brennstoff abhängt, der überwiegend mit längst schrottreifen Maschinen im wetterabhängigen Tagebau gewonnen wird, das muß einmal ausgesprochen werden. Es droht unter den politischen Verhältnissen des dortigen Systems so grauenvoll und chaotisch zu werden, daß der freie Teil Deutschlands nicht daran vorübergehen kann.

Er ist dazu nicht nur moralisch verpflichtet, sondern verfügt auch über die technisch und wirtschaftlich nächstliegenden Hilfsquellen. Ist er bereit, ohne Rücksicht auf überzogene oder nicht erfüllte Kontingente, auf Warenlisten und "Swing"-Grenzen nicht nur zu helfen, sondern notfalls zu opfern, um 17 Millionen Menschen des eigenen Volkes vor Hunger und Kälte zu bewahren? Und ist er dazu auch bereit, wenn er damit die Existenz eines von wenigen Stalinisten getragenen und vom ganzen Volk gehaßten Regimes künstlich verlängert? Ist der Westen unseres Vaterlandes bereit, zu solcher Vorleistung auf die so oft im Munde geführte Wiedervereinigung mit allen verfügbaren Kräften zu stehen? Und ist er sich darüber klar, daß er selbst mit den größten Opfern solcher Art noch billig davonkäme gegenüber einer bewaffneten sowjetischen Intervention im Falle eines von Hunger und Kälte diktierten neuerlichen Volksaufstandes?

Dies sind keine Hirngespinste fanatischer "Kommunistenfresser", sondern nüchterne Folgerungen aus realistischen Erkenntnissen, die schon morgen ihre Kreise ziehen können, wenn auch nicht unbedingt müssen. Sind wir darauf vorbereitet, und hat man vor allem in Bonn Schon jetzt und heute eine Konzeption für eine solche Situation, die über akademische Erörterungen hinausgeht? Wenn nicht, dann wird es höchste Zeit, endlich auch wirtschaftlich die genauen Bedingungen für eine "Koexistenz" der beiden Teile Deutschlands festzulegen. Das dabei anzuwendende doppelte deutsche Einmaleins mag zwar lästig und tückisch sein. Es wirkt aber ungleich schmerzloser als das bolschewistische Hexeneinmaleins, dessen Studium sich schon mancher Vogel Strauß hätte ersparen können, wenn er nur seinen Kopf etwas früher aus dem Sand herausgeholt hätte ... Georg Gnieser