Als der Direktor Argelander anläßlich eines Besuches der Bonner Sternwarte von Friedrich Wilhelm IV. danach gefragt wurde, was es denn eigentlich Neues am Himmel gäbe, entgegnete der schlagfertige Gelehrte: „Kennen Eure Majestät denn schon das Alte?“ – Diese tiefsinnige Begebenheit ist für unsere Jahrzehnte symbolisch und real noch weitaus bedeutsamer, als für die verhältnismäßig ruhigen Zeiten der kaiserlichen Epoche. Je stärker die Naturwissenschaft in alle Bereiche unseres persönlichen, sozialen und geistigen Lebens eingreift, um so deutlicher tritt ihr methodidisches, ihr systematisches Element in den Vordergrund. Mit anderen. Worten: um so intensiver, erscheint der Zusammenhang zwischen Tradition und zukünftigen Aspekten. Neben, besser hinter, allen pseudoaktuellen Sensationen und Schlagzeilen unserer Zeit treten die unlöslichen Zusammenhänge des Forscher; geistes hervor, der neben dem Irrtum und der Genialität vor allem durcheine sorgfältige und mühevolle Kleinarbeit gekennzeichnet ist. Zwei Werke (denen diese Tendenz gemeinsam ist) können allen denen, die nicht nur wissen wollen, was ist, sondern wie es außerdem dazu kam, hier empfohlen werden. Als erstes:

Erich Schneider: „Von Kopernikus zur Kobaltwolke. – Unser Weltbild und seine 300-, jährige Geschichte.“ Gebrüder Weiß Verlag, Berlin-München, 416 S., 19,80 DM.

Das Buch beginnt nicht mit Plancks Quantentheorie von 1900, sondern es setzt bei der Geburtsstunde der neuzeitlichen Naturwissenschaft? überhaupt ein: bei dem Erscheinungsjahr von Galileis „Discorsi“, jenes Werkes, das nicht nur die moderne Mechanik begründete, sondern überhaupt die Art und Methode alles naturwissenschaftlichen Denkens, das unsere Forschung noch heute bestimmt. Um die damaligen allgemeinen Verhältnisse auf einen historisch-plastischen Hin-, tergrund sichtbar zu machen, werden sozusagen als Auftakt zur Neuzeit Kopernikus und Magelhaes vorgestellt. Immer noch erregte zur Zeit Galileis die kopernikanische Hypothese die Gemüter. Und immer wußte man nicht recht, was man von dieser, unter großen Opfern erkauften Weltumseglung – von 239 Mann erreichten nach dreijähriger Fahrt 18 das Heimatland wieder – eigentlich halten sollte. Die Vorstellung von der „Kugelerde“ war noch zu ungewöhnlich, als daß sie ins allgemeine Bewußtsein gedrungen wäre.

Schneider teilt seine Darstellung in einen historischen und einen biographischen Aspekt. Aber er tut dies, ohne daß es der Leser bemerkt; noch viel weniger, daß es ihn stört. Er greift die seit Galilei überragenden Naturforscher heraus und schildert an ihnen (kapitelweise geordnet) – nach bestimmten Forschungsgebieten unterteilt – das Fortschreiten des menschlichen Geistes zu immer größeren und immer kleineren Dimensionen. Der mechanistische, der .energetische und der atomistische Aspekt mit ihren charakterischen Vertretern, Strahlung, Atomtheorie und Kernphysik, werden übersichtlich und zuverlässig in biographischer und wissenschaftlicher Hinsicht geschildert.

Der Verfasser ist für seine positivistisch-philosophische Haltung aus mehreren Werken bekannt. Er versteigt sich weder in Utopien noch in Spekulationen. Aber dieser exakt und kritisch gehaltene Kontakt zwischen Naturforschung und philosophischen Strömungen kommt dem Leser zugute. Nicht abstrakte Vorstellungen, sondern unterrichtende Grundlagen und Entwicklungen sind hier die Voraussetzungen der Naturphilosophie. Ein Sach- und Namensregister steigert den Wert des Werkes. – Und das zweite:

Wolfgang D. Müller: „Du wirst die Erde sehn als Stern. Probleme der Weltraumfahrt.“ Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, mit acht Bildtafeln, 316 S., 14,80 DM.

Beständig ist die internationale Gemeinde der Astronauten im Wachsen. Die Physiker sind noch nicht einig darüber, was dieser Raum eigentlich ist. Indessen diskutieren die Juristen schon eifrig über die Anwendung des Völkerrechts im Weltraum. Realität, Phantasie und Phantastik sind hier eng beieinander beheimatet. Dabei erschien eines der ersten wissenschaftlich fundierten Bücher zu diesem Problem 1923 von Hermann Oberth unter dem kühnen Titel: „Die Rakete zu den Planetenräumen“; die Verkehrsfliegerei steckte damals gerade in ihren Kinderschuhen.