Suezbrand gelöscht: General Burns, der Befehlshaber der UNO-Polizeitruppe, hat sich mit den Oberkommandierenden der britisch-französischen Truppen in Ägypten dahin geeinigt, daß der Abzug der Interventionstruppen im gleichen Tempo wie das Eintreffen der NATO-Polizisten in Port Said erfolgen soll. UNO-Polizisten werden jetzt nicht nur nach Ägypten geflogen, sondern dürfen auch in Port Said landen, was die Abzugsprozedur beschleunigt.

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Syrischer Krisenherd: Die Ankunft sowjetischer Waffen im syrischen Hafen Latakaia und Meldungen über Truppenbewegungen an der syrisch-israelischen Grenze gaben. Anlaß zu Befürchtungen einer neuen nahöstlichen Explosion. Syrien ist das einzige Land im Nahen Osten, in dem die Kommunisten Fuß gefaßt haben, aber neben kommunistischen Einflüssen und sowjetischen Sympathien spielen komplizierte, sich oft überschneidende örtliche Gegensätze eine wichtige Rolle. Syriens Beziehungen zu allen Nachbarn, mit Ausnahme von Jordanien, sind gespannt. Die Türken beschuldigen Syrien, einen Angriff auf Libanon vorzubereiten. Irak fühlt sich von Syrien bedroht und hat um amerikanische Waffen gebeten und Ägypten wird von den Syriern beschuldigt, Düsenbomber, die ihm während du Kampfes gegen Israel „geliehen“ worden waren, versteckt zu hafen. Nasser dagegen erklärt, diese Maschinen (sowjetischen Ursprungs) seien durch englische Bomben zerstört worden. Daneben schwelt noch der alle Krieg mit Israel. Die Lage in Syrien erfordert rasches und energisches Eingreifen der NATO mit Unterstützung der USA, wenn neues Blutvergießen verhindert werden soll.

Ruhebedürftige Eden: Nicht seinen Posten, wohl aber England hat Premierminister Eden verlassen, um sich von den Anstrengungen der Suezkrise zu erholen. Neben diesem Ruhebedürfnis wird für die Wahl Jamaikas sein Wunsch gesprochen haben, doch noch von Präsident Eisenhower empfangen zu werden, um durch persönliche Aussprache den Riß im atlantischen Bündnis (infolge der amerikanischen Verurteilung des englischen Vorgehens in Ägypten) zu kitten. Vorläufig sieht es nicht so aus, als werde Eisenhower diesen Wunsch erfüllen.

Achse Washington/Neu Delhi: Mit der amerikanischen Stimmabgabe in der UNO für einen asiatisch-arabischen Antrag auf unverzügliche Räumung Ägyptens durch die Engländer und Franzosen ist vielleicht eine der wichtigsten Entscheidungen der Nachkriegszeit gefallen. Vor die Wahl gestellt, zwischen seinen europäischen Bundesgenossen und der Freundschaft Asiens haben die USA sich für letztere entschieden. Zu einer solchen schmerzlichen Wahl hätte es nicht zu kommen brauchen, wenn London und Paris auf die Warnungen Washingtons, den Suezkonflikt nicht mit Kanonen zu lösen, gehört hätten. Als neuer Verbündeter Washingtons bietet sich Indien an, mit dem es in der Suezfrage eng zusammenarbeitete und dessen Regierungschef Eisenhower demnächst besuchen wird.

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Nagy entführt – Streik beendet: Ungarns letzter Ministerpräsident vor der Sowjetintervention, Imre Nagy, wurde unter Verletzung feierlicher Zusicherungen seitens der Kadar-Regierung von sowjetischem Militär nach Rumänien entführt. Belgrad protestierte energisch gegen diesen Wortbruch. Der Budapester Arbeiterrat forderte die Rückkehr Nagys und den Abzug der Sowjettruppen, beschloß aber gleichzeitig die Wiederaufnahme der Arbeit, weil „die Arbeiter Geld verdienen und leben müssen“. Die Arbeitsaufnahme bedeutet aber keine Aussöhnung mit der Regierung Kadar. Sirius, 28. 11. 56