Alice Ekert-Rotholz’ neuer Roman

Ostasien wird noch lange der verlorene Traum des weißen Mannes bleiben, der, noch nach dem Zusammenbruch des Feudalismus in Europa, zwischen der Insulinde und Japan ein Herrenleben fast im alten Stil führen konnte. Der zweite Weltkrieg brachte auch hier die politischen und sozialen Wandlungen, die in dem Roman

Alice Ekert-Rotholz: „Wo Tränen verboten sind.“ Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 533 S., 13,80 DM

mit dem endlosen Spiel auf einer Drehbühne verglichen werden. – Die Konsequenzen dieser Wandlungen auf die Europäer werden am Beispiel einer Familie, der des norwegischen Konsuls Wergeland, gezeigt. Die Autorin, die in jener turbulenten Zeit selbst zur Komparserie der fernöstlichen Drehbühne gehörte, verfügt über eine gründliche Kenntnis asiatischer Wesensart, über treffsicheren Instinkt und gute Beobachtungsgabe und läßt dem Leser die politischen und menschlichen Zusammenhänge und Entwicklungen musterhaft klarwerden.

Gerade aus diesem Grund ist es bedauerlich, daß ihr die Gestaltung ihrer Helden weniger gut gelang. Besessen von ihrem großen und interessanten Thema, versucht die Autorin, zuviel Stoff und zuviel Personen zu verarbeiten, deren Schicksale untereinander zu viele Verstrickungen aufweisen. Japaner, Norweger, Schlesier, Juden, Chinesen, Franzosen und Potsdamer (und die jeweiligen Mischungen) tauchen mit der Bürde ihrer jeweiligen nationalen und persönlichen Probleme auf. Die Lösung läßt sich nicht anders herbeiführen, als daß einer des anderen dem ex machina wird, und die Fülle der Begegnungen, Rettungen im letzten Moment, Lieben, Feindschaften, Verzichte und Niederlagen wirkt verwirrend und unwahrscheinlich. Obgleich um sie herum eine Welt und zwei Kontinente in Trümmer gehen, steigen sie – wieder wohlhabend und gut gekleidet – nach Verhaftungen und Flucht, Verwundung und Verlust der Heimat als Phönixfamilie aus der Asche. Dieses Massen-Happy-End überbrückt wieder die Gegensätze, die zu erklären und darzustellen der Autorin so ausgezeichnet gelungen war, und läßt die Personen zu schemenhaften und daher wesenlosen Relikten ihrer Vergangenheit werden. Der Zeitroman endet als Familienroman. sy