R. K., Karlsruhe

Wenn man uns den Atommeiler vor die Nase setzt, können wir für nichts garantieren. Wir haben unser Dorf schon einmal mit Knüppeln und Dreschflegeln verteidigt!“ Mit dieser massiven Drohung schickten die Einwohner des kleinen nordbadischen Dorfes Friedrichstal ihren Bürgermeister Max Borell zu seiner vorgesetzten Dienststelle, dem Landratsamt in Karlsruhe, als Ute hörten, daß der erste deutsche Atommeiler in unmittelbarer Nähe ihres Dorfes gebaut werden soll.

Anfangs war geplant, den Meiler nordwestlich von Karlsruhe am rechten Rheinufer zu bauen. Aus „technischen Gründen“ – man erzählt sich: weil die Karlsruher Industrie mit Verlagerung ihrer Fabriken drohten – überlegte es sich der Karlsruher Gemeinderat noch einmal und wählte einen Bauplatz im Haardtwald, zwei Kilometer von Friedrichstal entfernt.

Eigentümer des neuen Bauplatzes ist die Stadt Karlsruhe. Die Gemeinderäte gaben zögernd ihre Zustimmung, nachdem sie bei einer Reise durch England und Frankreich gesehen hatten, daß dort die Menschen ohne Angst neben Atommeilern leben.

Doch als die Dorfbewohner von der neuen Nachbarschaft hörten, brach auf der Bürgerversammlung in Friedrichstal der Protest los. Aus erregtem Hin und Her, bei dem auch einer der Bauern etwas von „notfalls mit Gewalt“ sagte, entstand die drohende Botschaft nach Karlsruhe Die Tabakbauern wissen zwar, daß sie die moderne Entwicklung nicht aufhalten können; sie wissen aber auch, daß nicht alle Physiker in gleichem Maße sich bereit finden, einem Atommeiler die Harmlosigkeit einer Transformatorstation zuzubilligen. Außerdem sind sie gebrannte Kinder. Sie wissen, was es heißt, ein mögliches .Bombenziel in der Nähe zu haben, seit der Karlsruher Hauptbahnhof während des Krieges als Attrappe in den Haardtwald verlegt worden war. Und schließlich – die Bauern des zweitausend Einwohner zählenden Dorfes leben vom Tabakbau. Welche Zigarettenfirma, so fragen sie sich, wird ihnen ihren Tabak abkaufen, der im Schatten eines Atommeilers wuchs?