Mit Stirnrunzeln verfolgt nicht nur die Kritik, wie Gerhart Hauptmanns Bühnendramen zu Filmen ausgeschlachtet werden. „Die Ratten“, „Vor Sonnenuntergang“, „Fuhrmann Henschel“ sind an uns vorbeigezogen. „Rose Bernd“ wird folgen. Manches – zum Beispiel Hans Albers als Geheimrat Clausen – hat dem Publikum, dem Filmpublikum, gefallen. Aber die Kritik –: immer tadelt sie, daß ein Stoff nicht maßstabgetreu von der einen in die andere Gattung übertragen, daß Schindluder mit Rang und Namen eines Dichters getrieben wird. Dem wollte jene Filmgesellschaft, die „Fuhrmann Henschel“ verdreht hat, nun begegnen. Sie führte den Rohschnitt ihres Streifens dem Hauptmann-Sohne Benvenuto vor und erhandelte für den Reklamegebrauch ein Urteil des Namensträgers Hauptmann.

Söhne sollten wissen, was der Vater dachte. Die Erben von Richard Strauß, Sohn und Enkel, gehen mit einstweiligen Verfügungen gerichtlich gegen Regisseure und Theater vor, die ein Opus des Altmeisters durch Regiekunststückchen verfälschen. Benvenuto Hauptmann denkt anders. Er schrieb dem Filmvertrieb, im Nachlaß seines Vaters hätten sich manche Skizzen gefunden, mit denen Gerhart Hauptmann selbst sich in der neuen Gattung Film versucht habe. Er würde bestimmt Verständnis haben, meint sein Sohn, daß der „Fuhrmann Henschel“ vom Film aus Schlesien nach Bayern verpflanzt wurde. Er hätte wohl auch verstanden, daß Text und Handlung nach Film-„Gesetzen“ verändert werden müßten. Im Namen des toten Vaters erkannte Gerhart Hauptmanns Sohn den „Fuhrmann-Henschel“-Film an.

Der Landschaftswechsel mag hingehen. Besitzt aber Hauptmann junior kein Organ für Qualität? Schon die farbige Hochglanzpolitur ist bei einem Milieustück ärgerlich, das im Verfall einer sozialen Schicht während der sechziger Jahre seine Wurzel hat. Hauptmann ist nicht Ganghofer. Der Film verzichtet auf das Milieu und damit auf ein Hauptthema, indem er die Handlung in die Zeit des Volkswagens und der modernen Eisenbahn verlegt. Der Film benutzt kaum einen Satz von Hauptmann, dafür aber zwei tragende Motive der Tragödie: den Schwur Henschels, nie werde er Hanne Schäl, die neue Magd, heiraten, und den Grund zum Selbstmord des Fuhrmanns: die Schlinge, die ihm das Schicksal gestellt hat. Eine Schicksalstragödie von antiker Größe wurde Hauptmanns „Fuhrmann Henschel“ vor allem dadurch, daß der schuldlos Hintergangene, aber Redliche seinen fallenstellenden Widerpart in Gott erblickt. Der Film richtet diese Anklage gegen den – Teufel. Dafür erhebt er ein dramatisch nebensächliches Motiv, den Schwur zur Beruhigung einer sterbenden Frau, zur moralischen Erklärung für Henschel-Willems Verderben. Das ist nun für jedermann plausibel nach einer populären Schuld-Sühne-Theorie. Aber eine echte Tragödie wurde zur sentimentalen Story erniedrigt. Schlußtableau, statt der Schlinge um Henschels Hals, Scheunenbrand in Agfacolor!

Drei prächtige Schauspieler versuchen zu retten, was ihre Rollen noch hergeben: Walter Richter und Käthe Braun (das Ehepaar Henschel) und Richard Romanowsky. Dieser muß schon einen Alleingang unternehmen; denn der ruinierte Hotelbesitzer Siebenhaar ist aus einer Figur von zeittypischer Sozialkritik zum liebenswürdigen Trottel vereinfacht worden. An der dramaturgischen Hauptmann-Fälschung ist der Regisseur Josef von Baky mitschuldig. So beachtliche Qualitäten Nadja Tiller entfaltet, diese Hanne Schäl hat mit der Magd Hauptmanns ebensowenig zu tun, wie der viel zu männliche Windhund Georg von Wolfgang Lukschy. Das sind Fehlbesetzungen von Qualität, aber der falschen. Max Pahl