Fünfundzwanzig Jahrelang, seit 1931, hat Marc Chagall an seinen Bibel-Illustrationen gearbeitet. Die Anregung kam, wie sooft bei den entscheidenden Werken der bildenden Kunst, von außen, von dem Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard, in dessen Auftrag vorher die Radierungen zu Gogols "Toten Seelen" und zu den Fabeln von Lafontaine entstanden waren. So zufällig gerät ein Künstler bisweilen an eine Arbeit, die er mit den Jahren, die darüber vergehen, als die eigentliche Aufgabe seines Lebens begreift. Mit einer Leidenschaft ohnegleichen hat Chagall sich in diese Aufgabe "hineingekniet"; dieser gewaltige Träumer dem sich die Wirklichkeit ständig ins Märchenhaft! verflüchtigte, ist nach Syrien, Palästina, Ägypter gefahren, um wie irgendein braver Realist Milieustudien zu treiben, die biblische Szenerie an Ort und Stelle zu erleben, und er war später bei Rembrandt in Holland und bei Greco in Spanien, um ihre biblischen Bilder zu sehen. Während der Arbeit an den Illustrationen muß Chagall, der Heimatlose, zum zweitenmal emigrieren, der Krieg treibt ihn 1941 von Frankreich nach New York, 1947 ist er wieder in Paris, 1949 geht er an die Riviera nach Vence, und hier hat er 1955 seine Bibel vollendet. Im Spätherbst 1956 sind die 105 Radierungen auch als Buch erschienen, in der Reihe der großen "Verve"-Publikationen, als Nummern 33 und 34 der Zeitschrift. Für diese Buchausgabe hat Chagall noch einmal 28 Lithographien, davon 16 in Farben, geschaffen. Gleichzeitig mit dem Buch ist die Serie der Farblithographien in einer numerierten Auflage von je 75 Exemplaren herausgekommen, die kürzlich in der Hamburger Buchhandlung Helmut von der Höh gezeigt wurde.

Was immer wir an Chagall lieben, seine Poesie, seine Schwermut und jenes phantastische Element, das die Bilder aus dem Zwang der ratio herauslöst und sie zum Schauplatz des Unwahrscheinlichen macht, das alles findet sich auch in seiner Bibel. Aber die Illustrationen gehen über die unverbindliche Sphäre der Märchen und Fabeln weit hinaus, nach beiden Richtungen, nach unten und oben, zum Alltäglichen und zum Wunderbaren. Seine biblischen Gestalten stehen fest auf der Erde, in keinem andern Werk Chagalls begegnet man einem so kräftigen, von Anschauung genährten Realismus. Unter diesen Patriarchen ist Chagall aufgewachsen, seine Könige, Richter und Propheten sind keine Idealgestalten, sondern Menschen aus den osteuropäischen Ghettos, die ihr Leben mit harter Arbeit und mit dem Studium der Schriften hingebracht haben. Aber er hat diese Gestalten aus dem Ghetto zurückversetzt in den alttestamentarischen Zustand eines Hirtenvolks, in eine ursprüngliche und wilde Freiheit, die sich inungestümen, heftigen, eruptiven Gebärden äußerte Mit ihrer ganzen schweren, gedrungenen Körperlichkeit bringen sie ihre Gefühle zum Ausdruck, von denen sie heimgesucht und überwältigt werden und die immer zum Maßlosen tendieren.

Diesem grandiosen Panorama der irdischen. Existenz auf einer frühen und leidenschaftlichen Stufe steht das Wunderbare, das Göttliche nicht gegenüber, sondern es ist hineinbezogen und in allem Tun und Geschehen gegenwärtig. Das "übernatürliche", daran der Intellekt scheitert, und dem er sich mühsam mit dem Begriff des Symbolischen und des Mythischen zu nähern sucht, ist für Chagall einfach eine Selbstverständlichkeit, und die Erscheinung des Engels nicht weniger real als der Besuch eines Nachbarn und der Wolke, die sich über dem Gipfel des Karmel zusammenzieht. "Die Welt ist wie ein kreisender Würfel, und alles kehrt sich, und es wandelt sich der Mensch zum Engel und der Engel zum Menschen und das Haupt zum Fuß und der Fuß zum Haupt, so kehren sich und kreisen alle Dinge und wandeln sich." Vieles bei Chagall kommt aus solchen mystischen Lehren des Chassidismus.

Illustrieren heißt: einen Text erleuchten, den Sinn bildhaft machen. Das helle Fenster in der dunklen Arche des Noah steht für Verheißung. Und alle sehnsüchtige Erwartung der Eingeschlossenen spricht aus dem Gesicht nicht der Menschen, sondern des Zickleins. Nur die Gestalt der Mutter im Hintergrund bleibt gänzlich unberührt von dem Schrecklichen, was draußen vorgeht: keine kosmische Katastrophe und nicht einmal die Sintflut ist so wichtig wie das Kind, dessen Kopf sie an ihr Herz preßt.

Chagalls Bibel gehört zu den Werken, die sich den Dimensionen der zeitgenössischen Kunst entziehen. Es wäre hoffnungslos, sie stilistisch und kunsthistorisch einordnen zu wollen. Man muß sie hinnehmen wie ein Naturereignis oder wie ein unverhofftes Geschenk. Gottfried Sello