Schüler Schartig ist verzogen – Seite 1

Der Autor dieser Geschichte, Hans Frank, lebt jetzt, 77jährig, ganz zurückgezogen auf seinem Landsitz Frankenhorst bei Schwerin in der Sowjetzone. – Wir freuen uns, den durch Novellen, Romane, Bühnenstücke und Gedichte einst so bekannten Autor mit einer neuen Geschichte jetzt unsern Lesern wieder vorstellen zu können.

An einem rauhen Wintermorgen war die Obersekunda des Fridericianums es müde, ihren Lateinlehrer Professor Peek auf althergebrachte Weise zu hänseln. Knallerbsen, Niespulver, Mundharmonika, Zündplättchen, Kindertrompete, Pult beschmieren, Käfer fliegen lassen – all dieseüblichen Schülerscherze waren im Laufe des Jahres bis zur Leerheit ausgedroschen. Keiner lachte mehr, wenn der Zweiundsiebzigjährige seinen müden Kcpf – der aus einer großen Mähne, zwei schlechtgeputzten Brillengläsern und einem in weißes Werg eingepackten zahnlosen Mund bestand – so weit vom Buch aufwärts gewackelt hatte, daß er in die Klasse rufen konnte: "Was ist denn das schon wieder? Freiwillig melden, wer es getan hat! Oder ich erkläre Sie in corpore für Bambusen, die verdienten, wie Vorschüler mit dem Stock traktiert zu werden." Keiner lachte. Aber wenn man in Peeks Stunden nicht mehr auf seine Lachkosten kam, wie alsdann sich durch die Öde der Schulwoche bringen? Es mußte ein neuer Schülerscherz erfunden werden.

Vorschlag nach Vorschlag versuchte, die düsteren Herbstmorgenpausen zu erhellen. Alle wurden verworfen. Denn es waren nur Abwandlungen längst bekannter Gymnasiastendummheiten. Schließlich rief der windige Dahse händereibend aus: "Ich hab’s!"

"Nämlich?" stürzte gleichzeitig ein Dutzend Fragende auf ihn ein.

Dahse gab zur Antwort: "Für Busacke, der vorige Woche nach Hannover fortgezogen ist, Peek einen neuen Schüler unterschieben. Einen, den"? gar nicht gibt!"

"Den’s – überhaupt – nicht –? Unsinn – "Ausgeschlossen!" – "Unmöglich!"

"Wenn Peek auch nicht über die erste Bankreihe wegsieht, seit der Influenza im Dezember außerdem schlecht hört, auf dem Pult manchmal ein Nickerchen macht – das geht nicht. Geht selbst bei Peek nicht!"

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Aber gerade, weil es unmöglich schien, wurde der Vorschlag Dahses angenommen. Ihm selber halste man die kitzlige Aufgabe um, den Neuen, den untergeschobenen Schüler, den Sekundaner, der nirgendwo vorhanden war, in Peeks Stunden während der ersten Woche zu spielen. Nicht länger als eine Woche. Denn falls Dahse das Wagnis wider alles Erwarten glückte, wollte man jeden Montag wechseln. Damit einer nach dem andern seine schauspielerischen Kräfte zur Belustigung der Klasse ausprobierte. Als Professor Peek bei dem Beginn der fünften Stunde, in der endlich das Gasglühlicht ausgemacht werden konnte, sich auf das Katheder geschleppt, keuchend Platz genommen hat und den Horaz aufschlagen will, ruft die Obersekunda: "Herr Professor, es ist ein Neuer da!"

"Immer hübsch nach der Ordnung", weist der Aufgescheuchte die Rufenden zurecht. "Also: Erst in das Taschenbuch schreiben, wieviele fehlen. Wer ist denn heute absent?"

"Dahse, Herr Professor. Sonst niemand."

"Also: Dahse. Warum? Krank? Natürlich. Woran leidet Dahse denn?"

"Influenza, Herr Professor!"

"Schlimme Krankheit. Lieber eine Lungenentzündung oder sonst was Heftiges. Damit wird man fertig. Oder auch nicht fertig. Aber wenn man damit fertig wird, ist solche Krankheit eines Tages erledigt. Influenza hingegen: schlimm, sehr schlimm. Fängt gar nicht richtig an. Hört dafür aber auch nicht richtig auf. Wie kam ich denn auf Influenza?"

Als der Vorsichhinredende die Eintragung in sein Taschenbuch gemacht hat und nun tatsächlich den Horaz aufschlägt, schreit die Klasse wieder: "Herr Professor, es ist ein Neuer da!"

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"Warum brüllen Sie denn?" wehrt Peek ab. "Ich höre noch sehr gut. Trotz meiner siebzig Jährchen. Wenn eine Fliege an der Korridorseite der Tür hochkrabbelt, höre ich es hier auf dem Pult. Also: Es ist ein Neuer da. Ich sehe es doch. Mit Hilfe der neuen Brille ist meine Sehweite fast normal. Selbst auf der hintersten Bank entgeht mir nichts. Wenn ich auch meistens Gnade walten lasse, den Missetäter nicht aufrufe und nicht einschreibe. Also: Es ist ein Neuer da. Wo sitzt er denn? Stehen Sie doch einmal auf, junger Herr! Danke! Natürlich: Wo sollten Sie wohl anders sitzen als auf dem Platz des fortgezogenen Basecke!"

Dahse steht hochgereckt in der letzten Bankreihe. Die Klasse biegt sich unter den ersten Stößen des Gelächters. "Wie heißen. Sie?" fragt Peek.

"Schartig!" antwortet der Neue. Die Klasse quietscht.

"Bitte buchstabieren!" kommt es vom Katheder her. "Namen werden meistens inkonsequent geschrieben." Und Danse buchstabiert seinen angenommenen Namen: "Schartig, Großes Es, kleines Ce-Ha-A-Err-Te-I-Ge."

"Der Vorname?" möchte Peek wissen. Dahse, der im Vorjahre mit seinen Eltern zur Sommerfrische in Oberbayern war und einen wirksamen Witz machen will, antwortet: "Xaver." Die Klasse brüllt.

"Warum lachen Sie denn? schreit Professor Peek. "Als ob Sie noch Sextaner wären. Xaver ist ein ordentlicher, ist ein hübscher Name. Als ich vor dreiundzwanzig Jahren aus Gesundheitsrücksichten im Allgäu weilte, habe ich festgestellt, daß der Name in unserem Dorf elfmal vorkam. Somit beweisen Sie nur Ihre Grünheit, wenn Sie über einen anderwärts häufigen Namen lachen. Also: Xaver Schartig heißen Sie?"

"Jawohl, Herr Professor", erklärt Dahse. "Xaver. Großes Icks-kleines A-"

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"Was fällt Ihnen ein?" redet sich Peek auf. "Ich werde doch wohl Xaver ohne Buchstabieren schreiben können! Bin weit in der Welt herumgekommen. Achtmal war ich in Italien. Und zweimal sogar in Griechenland. Also da steht es: Xaver Schartig. Sicher in Bayern geboren?"

"Jawohl, Herr Professor", schwindelt Dahse. "Zu Riederau am Ammersee."

"Und wo", erkundigt Peek sich weiter, "haben Sie das Gymnasium bis zur Sekunda absolviert?"

Einige Sekunden schwebt Dahse, zur Schadenfreude seiner Kameraden, zwischen "Ertappt!" und "Nichtertappt!" Dann wühlt er seine Sommerfrischenerinnerungen durch und behauptet aufs Geratewohl: "In – Dießen, Herr Professor."

"Offenbar kleines Nest", stellt der Kathedermann fest. "Wenn Sie dann bei uns nur mitkommen! Nun, wir werden ja sehen, wieweit Sie zu Dießen in den Geist der Antike eingedrungen sind. Also: Sie können sich setzen, Xaver Schartig.\"

Dahse atmet auf, wischt Schweißperlen von seiner Stirn, setzt sich. – Seit diesem Morgen war in der Lateinstunde, die Professor Theobald Peek der Obersekunda noch als Zweiundsiebzigjähriger gab, zur Belustigung der Klasse einer da, der nicht da war. Er erwies sich als ein guter Schüler, der nicht vorhandene Xaver Schartig aus Riederau am Ammersee in Oberbayern. Denn man wählte des Sonnabends nur einen Befähigten, welcher während der kommenden Woche bei Peek absent gemeldet wurde, zu seinem Vertreter. Die Arbeiten mußte, damit man die gleichmäßige Verstelltheit der Handschrift herausbekam, allesamt Dahse, der Zweite der Klasse, für Schartig schreiben. Als der Scherz sich zu erschöpfen drohte, bestimmte man eine Woche lang den Ultimus dazu, Schartigs Platz auf der hintersten Bank einzunehmen.

Peek fiel von einem Staunen in das andere: "Aber Schartig, was machen Sie? – Aber Schartig, Sie waren doch sonst immer gut präpariert! – Aber Schartig, solche Fehler bin ich bei Ihnen nicht gewöhnt! – Aber Schartig – – ! Befinden Sie sich schlecht? War Ihnen gestern abend nicht wohl?"

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"Ja, Herr Professor", stammelte der Ultimus. "Mir ist – mir war nicht wohl. Entschuldigen Sie, bitte, daß ich nicht präpariert bin."

"Also: Warum haben Sie das nicht vorher gesagt, Schartig?" atmete Peek auf. "Bei Ihnen weiß ich doch, daß Ihr Unwohlsein nicht erlogen ist. Ich wollte wohl, daß ich lauter so tüchtige und fleißige und brave Lateinschüler hätte wie Xaver Schartig."

Als gegen Ende des Schuljahres in der Lehrerkonferenz die allgemeinen Zeugnisse verlesen wurden und der Klassenlehrer der Obersekunda seine Zeugniskladde zuklappte, schüttelte Professor Peek den Kopf und sagte: "Aber, Herr Ordinarius, Sie haben Schartig vergessen!"

"Schartig?" Niemand am gelben Konferenztisch begreift. "Jawohl: Xaver Schartig. Aus Riederau am Ammersee. Schüler der OOSB. Bald nach Baseckes Wegzugeingetreten. Platz: Letzte Bank an der Wand. Da, wo Basecke vorher gesessen hat. Guter Schüler. Keine Beanstandung irgendwelcher Art. Also: Zeugnisvorschlag meinerseits Betragen I, Aufmerksamkeit I, Fleiß I, Leistungen in Latein – – Aber das ist meine persönliche Sache unduntersteht daher nicht der Beratung durch die Konferenz. "Leistung?" will man trotzdem wissen. "Zwei!" antwortet Professor Peek. "Glatte Zwei. Nach der Eins des Primus nur noch einmal vorhanden."

Die Lehrer sehen sich verwundert an. Schütteln die Köpfe. Fragen mit hochgezogenen Achseln: Wie kommt Xaver Schartig, der sonst bei niemandem Vorhandene, in das Taschenbuch des alten Herrn? Der Direktor faßt sich ein Herz und erklärt Professor Peek: Es müsse ein Irrtum vorliegen, ein höchst sonderbarer Irrtum. Es gebe einen Schüler Xaver Schartig auf dem Fridericianum nicht. Sowohl er, der Direktor, wie sämtliche Kollegen hätten den merkwürdigen Namen aus seinem Munde zum allerersten Male gehört.

Da erhebt Professor Peek sich, schüttelt seine graue Mähne, zupft das weiße Werg um seinen Mund zurecht und sagt: "Pfui, meine Herren! Wenn die Schüler sich Scherze mit ihrem alten Lehrer erlauben, so ist es eine schlechte Sache. Aber wenn das Kollegium gegen sein ältestes Mitglied ein Ulkkomplott schmiedet, so habe ich dafür nur jenes Wort, dessen Wiederholung man mir hoffentlich erspart. Schartig hat mir Stunde für Stunde Antworten gegeben, hat Woche für Woche Hausarbeiten abgeliefert. Gute Arbeiten! Soll ich Schartigs Hefte vom Schuldiener aus meiner Wohnung holen lassen? Nur einmal während der Zeit, die er sich in der OOSB befindet, hat Schartig gefehlt. Bei der Klassenarbeit. Aber das war bestimmt Zufall. Denn ein Schüler wie Schartig ist über jeden Verdacht erhaben. Und da, meine Herren, haben Sie den Mut, mir in das Gesicht zu behaupten: Schartig wäre nicht auf der Schule? Wenn Sie sich schon einen Scherz mit mir erlauben wollen, dann müssen Sie sich etwas Gescheiteres ausdenken. Sie sind, falls mein Alter auf eine Zuverlässigkeitsprobe gestellt werden sollte, durchgefallen. Nicht ich. Entweder geben Sie das auf der Stelle zu, oder ich verlasse das Konferenzzimmer."

Der Ordinarius, weil er zu ahnen beginnt, was in seiner Klasse geschah, sagt augenzwinkernd: "Zum Abschluß meiner Liste also noch Schartig, Xaver Schartig. Meine Eintragung stimmt mit den Noten Professor Peeks überein. Betragen I, Aufmerksamkeit I, Fleiß I."

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"Wenn niemand der in der OOSB Unterrichtenden Widerspruch erhebt, haben die vorgeschlagenen Nummern Gültigkeit", erklärt der Direktor.

Alle sind mit dem Allgemeinzeugnis Schartigs einverstanden.

Am anderen Morgen mußte die Obersekunda des Fridericianums ihrem Klassenlehrer gestehen, welches Spiel sie zu ihrer Belustigung mehrere Monate lang mit Professor Peek getrieben hatte. Sie bekam als Strafe die Pflicht auferlegt, das begangene Unrecht so wiedergutzumachen. – Während aller Pausen dieses Morgens steckten die Sekundaner ihre Köpfe zusammen wie ein Rudel aufgescheuchter Schafe. Als man sich nach vielem Hin und Her auf den Vorschlag geeinigt hatte, Xaver Schartig aus Riederau bis zur fünften Stunde sterben zu lassen, rief Dahse heftig: "Nee!" – Man schrie ihn an: "Du hast uns die Suppe eingebrockt! Du mußt sie auch auslöffeln!" Danse warf verächtlich die Lippen auf.

Totenstille, als Professor Peek zur Lateinstunde die OOSB betritt. Der Greis schleicht noch langsamer als gemeinhin zum Pult. Putzt die Brille. Gründlicher als gewöhnlich. Kippt sie mit der Linken, um schärfer zu sehen, vornüber. Sagt mit verschleierter Stimme: "Wollen heute Sie einmal fortfahren, wo wir vorige Stunde stehengeblieben sind, Xaver – Schartig ?"

Dahse erhebt sich auf seinem Platz und sagt überlaut: "Herr Professor, Schartig ist verzogen." – "Ver–ver–zo–gen?"

"Jawohl, Herr Professor. Nach Bayern zurück. Seinen Eltern gefiel es im Norden nicht. Das ist in Oberbayern doch begreiflich." – "Freilich", stimmte Peek zu.

"Nicht wahr, Herr Professor? Es kann durchaus vorkommen, daß einer zuzieht und wieder verzieht. Das gibt’s alle Tage." – "Nicht alle Tage. Immerhin: Zugezogen und weggezogen. Das gibt es. Aber sagen Sie mal, Dahse, sagen sie mir alle: Schartig ist doch hier gewesen? Er hat doch da hinten auf der letzten Bank gesessen? Er hat doch geantwortet? Er hat doch regelmäßig Hefte abgegeben?"

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"Jawohl, Herr Professor!" – "Gewiß, Herr Professor!" – "Aber natürlich, Herr Professor!" – "Hier auf der hintersten Bank, Herr Professor!" – "Auf Baseckes Platz, Herr Professor!"

"Also: In der Konferenz behauptet man Wie ich schon Denken Sie nur, man behauptet Aber das geht Sie nichts an. Verzogen? Schade! War ein guter Schüler, der Schartig. Xaver Schartig aus Riederau am Ammersee. Fort. Also: Dahse – Horaz weiterübersetzen, wo wir voriges Mal aufhörten."

In der Obersekunda des Fridericianums blieb es nunmehr während der Lateinstunde Professor Peeks stiller, als bei dem strengsten der jungen Lehrer. Aber diese ungewöhnliche Stille war für den alten Herrn unerträglich. Entgegen seiner Absicht, bis zu seinem fünfzigsten Dienstjubiläum, mithin noch zwei Jahre, sein Amt zu verwalten, reichte der Zweiundsiebzigjährige einige Wochen hernach um Pensionierung ein. Seiner Bitte wurde binnen acht Tagen stattgegeben.