mel., Berlin

In den Provinzen jenseits von Oder und Neiße ist für viele Deutsche dieses Jahr das Weihnachtsfest das letzte christliche Fest, das sie in der Heimat begehen. Überall dort rüsten viele Landsleute, um im Rahmen der Umsiedlung und Familienzusammenführung nach Westen zu ihren Angehörigen umzuziehen. Eine Frau aus Breslau schreibt dazu: "Wie freuen wir uns, bald wieder bei unserem Vati zu sein! Die Kinder besehen immer wieder sein Bild und freuen sich auf die große Fahrt. Wie traurig sind wir aber auch, daß wir nun deswegen die Heimat verlassen müssen! Daher ist dieses Weihnachtsfest freudig und schmerzlich zugleich. Welche Freude wäre es, hierbleiben zu können und den Vati nachkommen zu lassen, um in der Heimat vereint zu sein..."

So und ähnlich lauten in diesen Tagen die Briefe derer, die in absehbarer Zeit von den polnischen Behörden die Genehmigung zur Umsiedlung erhalten. Denen, die zurückbleiben, wird dadurch das Herz womöglich noch um so schwerer! Aus Liegnitz schreibt ein Witwer: "Was wird mit uns, wenn uns so viele verlassen werden? Jahre hindurch war ich jede Weihnachten in der schweren Zeit bei der lieben Familie W. zu Gast. Nun geht auch sie fort nach Westen, und ich bleibe allein zurück. Und so geht es noch vielen anderen, die ganz allein sind und keine Leute mehr hier haben. Ich bete zu Gott, daß ich dieses Jahr nicht das letzte Weihnachten inmitten deutscher Menschen feiern muß. Aber werde ich wirklich im nächsten Jahr noch eine deutsche Christnachtfeier erleben, wird sie mir beschieden sein?"

Im selben Sinne schreibt eine alleinstehende Frau aus Gleiwitz: "Trauriger Abschied zu Weihnachten! Familie K., die nicht mehr mit ihrer Umsiedlung rechnete, hat nun ganz plötzlich die Fahrerlaubnis bekommen. Mir bleibt nur die alte Krippe, die sie mir zum Abschied schenken wollen, damit ich immer eine Erinnerung an sie habe. Ein deutscher Priester will uns einsame Leute nun sammeln, damit wir wenigstens in der Heiligen Nacht nicht allein sind. Hoffentlich gibt uns der Herr Mut, daß wir vor Weinen an der Messe teilnehmen können. Wir werden inmitten der Fremden immer einsamer."

Ein kirchlicher Laienhelfer schrieb zum Fest über die deutschen Gläubigen: "Sie sind ungebrochen, auch wenn jetzt wieder viele uns verlassen. Im Riesengebirge Zeptern sie wie früher ihre Kirchen mit Pyramiden, und bei Bunzlau gehen die deutschen Kinder als Lichtbringer mit flackernden Kerzen in die Gotteshäuser. Und in Breslau führen sie sogar ein altes schlesisches Weihnachtsspiel auf..."

Im Memelgebiet dagegen, wo auch noch viele Deutsche leben, sollen die deutschen Gläubigen zur Weihnachtszeit nur in ihren Häusern feiern dürfen. Bis zuletzt verweigerten die sowjetischen Behörden große Festgottesdienste. Aus anderen Briefen geht hervor, daß Weihnachtsbäume öffentlich verkauft werden. Allerdings nennt man sie hier "Winterbäume". Man tut alles, um die Kinder vom christlichen Brauchtum abzuhalten.

Ist die Lage der Deutschen jenseits von Oder und Neiße unterschiedlich, so spielt sich in Mitteldeutschland überall dasselbe ab: der Versuch nämlich, die Jugend den christlichen Weihnachtsbräuchen zu entfremden. Wie in den letzten Jahren soll "Väterchen Frost", der nach Kriegsende aus der Sowjetunion importiert wurde, propagiert werden. Überall jedoch wehren sich die Gläubigen gegen Überfremdung und falsche Auslegung. Sie feiern das Fest wie wir – mit kleineren Gabentischen und oft mit größerem Herzen.