In der konjunkturpolitischen Diskussion ist bei uns seit einigen Wochen (oder nun schon Monaten) eine wohltuende Ruhe eingekehrt. Dieser erfreuliche Zustand wird besonders deutlich, wenn man sich noch einmal vergegenwärtigt, welch stürmische Erregung – zwar nicht überall, aber doch auf sehr wichtigen Stationen des wirtschaftlichen und des politischen Bereichs – aufgekommen war, als die Notenbank erst zu Ostern und dann nochmals zu Pfingsten ihren Diskontsatz heraufgesetzthatte. Daß danach verhältnismäßig bald eine Beruhigung der Geister eingetreten ist, mag mit der Diskontsenkung von Anfang September zusammenhängen, die das „elastische“ und jedenfalls undoktrinäre Verhalten des Zentralbankrates deutlich gemacht hat. Noch stärker wirksam aber war sicherlich, daß die öffentliche Meinung – voran die Wirtschaftspresse – sich zunehmends für die Kreditpolitik der Bank deutscher Länder erklärte und deren Motive billigte. Allmählich – eine nach der anderen – sind denn auch die kritischen Stimmen verstummt, sind die Gegner einer antizyklisch geführten Konjunkturpolitik zur besseren Einsicht gebracht worden...

Dank dem Fundus an Vertrauen, den sich die Leitung der Währungsbank seit 1948 (und verstärkt in diesem letzten Jahre) geschaffen hat, wird es ihr ja wohl gelingen, ohne ernstliche Schwierigkeiten ihren Kurs auch weiterhin unbeirrt zu halten. Nach dem heute möglichen Stand der Vorausschau werden dazu keine großen Navigationsmanöver erforderlich sein – was freilich nicht heißen kam, daß es beim Bestimmen und beim Halten des Kurses nun etwa keiner besonderen seemännischen Kunst bedürfen werde! Aber, wie gesagt, es wird sich da vorwiegend wohl um die „Feineinstellung“ beim Regulieren handeln, oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen: die Aufgabe, den randvollen Kessel der Vollbeschäftigungskohjunktur bei kleinem Feuer kochend zu erhalten, ist nicht mehr ganz so schwierig, wie in der Zeit von Mitte 1955 bis Mitte 1956, als ständig zu gewärtigen war, daß die Suppe nach der einen oder nach der anderen Seite hin überkochen und damit die Glut der „überhitzten‘ Nachfrage (an Investitionsgütern zuerst, an Konsumgütern später) für eine ganze Weile ablöschen würde. Die am besten unter dem Begriff der Übernachfrage zu fassenden Vorgänge einer allzu stürmischen konjunkturellen Expansion sind nun wieder einigermaßen unter Kontrolle. Und es wäre gut, wenn die Bank deutscher Länder in ihrer Kreditpolitik während der nächsten Monate nicht von den Ungeduldigen bedrängt werden würde, die es schon jetzt beklagen, daß die „Expansionskurve“ ein wenig flacher verläuft – es wäre gut, wenn die öffentliche Meinung sich zu der Auffassung durchringen könnte, daß ein Kochen bei kleinem (oder vorübergehend auch zu kleinem) Feuer durchaus kein Malheur bedeutet, während jedes Überkochen (mit Qualm und Gestank – und Verlusten!) einen irreparablen oder doch zum mindesten nicht leicht und kurzfristig zu behebenden Schaden anrichten muß.

Natürlich würde die Zentralbank völlig überfordert werden, wenn man etwa von ihr und ihrer Konjunkturpolitik verlangen wollte, sie müsse „die Preise stabil halten“. Das kann sie nicht, und sie darf es auch gar nicht wollen, weil „die“ Preise – zum mindesten bei konjunkturempfindlichen Waren und Dienstleistungen – ja indikatorischen Wert besitzen: also Erscheinungen der Übernachfrage an den betreffenden Märkten registrieren. Mehr gedankliche Klarheit wäre, in den vielfältigen Erörterungen zum Preisproblem, ja wohl angebracht: etwa in der Richtung, wie sie ein großer Theoretiker (und zugleich Praktiker) in Sachen Kreditwirtschaft, nämlich L. Albert Hahn, schon vor Keynes (und besser und klarer als dieser .. .) gewiesen hat. In den neueren Schriften Hahns wird absolut deutlich, daß alle konjunkturpolitischen Maßnahmen auf die Verhütung der Krise abzustellen sind, und daß deshalb ein „Ausufern“ der Übernachfrage im boom verhindert werden muß; soll die Preisstabilität erhalten bleiben, so darf also gar nicht erst das Entstehen eines „Nachfrageklimas“ zugelassen werden, das die Preise aller (reagiblen) Waren und Dienstleistungen in die Höhe treibt... Sicherlich ist es keine Unterbewertung der konjunkturpolitischen Überlegungen und Maßnahmen der Zentralbank, wenn man von ihnen sagt, daß sie (zumal in den beiden letzten Jahren) deutlich „angewandter Hahn“ gewesen seien: also die von L. Albert Hahn entwickelten Gedankengänge mit Glück und Geschick in die Praxis umgesetzt haben.