Sicher hätte Professor Margret Hildebrand unsere Aufmerksamkeit auch verdient, wenn wir ihr nur als Entwerferin durchdachter, ruhevoller Vorhangs- und Tapetenmuster begegnet wären, als die sie ja auch viele Menschen von Ausstellungen her oder aus dem täglichen Umgang mit ihren angewandten Entwürfen kennen. Denn sie gehört zweifellos zu den ,erfolgreichen‘, zu den bekannten, außerdem aber zu den Textilentwerfern, die über die einzelne, durch ihren Namen gekennzeichnete künstlerische Leistung hinaus, wirksam wurden. Diese größere Wirksamkeit hat einen besonderen Grund und aus diesem Grunde eben erregt sie unser besonderes Interesse.

Sie hat nämlich einen entscheidenden Schritt über die mehr oder minder ungebundene Tätigkeit des Erfindens schöner Muster hinaus getan, mitten hinein in die praktischen Versuche, um die heute so viel diskutierte Industrieform, genau auf die Frage zu also, wie unser Gebrauchsgut aussehen und damit, welche Gestalt unser tägliches Leben haben soll.

Diesem Schritt liegt, wie man im Gespräch mit ihr sehr eindringlich erfahren kann, eine Überzeugung zugrunde, die sich allmählich und unabweislich aus ihrer Arbeit und ihren Versuchen entwickelt hat. Ihr Weg ist konsequent und gradlinig: sie begann ihre Ausbildung an der staatlichen Kunstgewerbeschule in Stuttgart und setzte sie in der Kunst- und Fachschule für Textilindustrie in Plauen fort. Darauf folgte eine Volontärzeit bei der Stuttgarter Gardinenfabrik in Herrenberg und eine Mitarbeit am gleichen Betriebe als Entwerferin.

„In früheren Jahren“ – so äußerte sie sich – „war mir immer der handwerkliche Betrieb als wünschenswertes Arbeitsfeld erschienen, sei es aus meiner angeborenen Freude an aller manuellen Tätigkeit oder auch aus einer gewissen Romantik... Aber der Zufall führte mich in einen Industriebetrieb, und hier stellten sich mir so nüchterne und fest umgrenzte Aufgaben, daß alle Romantik bald verflog. Ich entdeckte ein brennendes Interesse für die Maschine, für das, was mit ihr und durch sie möglich ist. Mir wurde vor allem klar, daß der heutige Bedarf nicht durch die Erzeugnisse kleiner handwerklicher Betriebe zu befriedigen ist, und daß es darauf ankommt, der Maschine den künstlerischen Willen aufzuzwingen oder richtiger, ihn auf sie zu übertragen. Das heißt, es muß gelingen. Erzeugnisse von Qualität industriell herzustellen – wobei ich unter Qualität nicht nur gutes, solides Material, sondern auch Form, Farbe und Struktur verstehe.“

Schon ihre Arbeit als Leiterin des Entwurfsateliers in Herrenberg machte eine stärkere Bindung eine häufigere, wenn nicht ständige Anwesenheit im Betrieb notwendig. Aber die Tatsache, daß sie nur in einen Teil des Betriebes – wenn auch in einen sehr wesentlichen – Einblick hatte – ohne gründliche Kenntnisse des ganzen Unternehmens, ohne die Möglichkeit, das Produkt von seiner Geburt also vom Entwurf, ja, von der Vorausplanung an bis zum fertigen Stoffballen unter ihrer Obhut zu haben – ließ ihr keine Ruhe. Sie unterwarf sich einer neuen Lehre, sie erwarb sich Kenntnisse in der Planung, in der Herstellung und im Vertrieb. Sie sah sich genötigt, sich mit der Frage der Marktforschung auseinanderzusetzen, die alle heutige Produktion so stark beeinflußt, und sie fand eine durchaus eigene Position zu dieser Frage: sie wünscht die Ergebnisse der Marktforschung nicht überschätzt zu sehen. Sie befürchtet die Diktatur einer im Grunde labilen und nur ungenau definierten Größe: des Publikumsgeschmacks.

„Sagen Sie selbst“, meinte sie, „wie kann man etwas zur Richtschnur für die künftige industriell hergestellte Form nehmen, was seit Jahrzehnten, nämlich genaugenommen seit dem unglückseligen Beginn der Industrialisierung durch ein permanent schlechtes, formal entartetes, mangelhaft durchdachtes Warenüberangebot verdorben wurde? Man braucht den Käufer nicht zu verachten, wenn man es ihm nicht einfach überläßt, die Form unserer künftigen Gebrauchsgüter zu bestimmen. Auch ein fester Charakter wird durch die Masse des Angebotenen, durch die verführerische Reklame unsicher gemacht. Die Vermittler aber zwischen Hersteller und Verbraucher, die Vertreter und Händler, und leider auch viele Unternehmer gehen oft den aus menschlichen Gründen begreiflichen Weg des ästhetisch geringeren Widerstandes – des schnelleren und leichteren Verdienstes also. Man sollte meiner Meinung nach nicht nach dem Geschmack des Verbrauchers fragen, über den man bekanntlich streiten kann, sondern nach seinen Bedürfnissen, seiner Lebensweise, die viel präziser sind. Eben um den Käufer aus der Uferlosigkeit der von Saison zu Saison wechselnden abertausend Formen und ‚Dessins‘ zu erretten – heißt es für den Hersteller, Farbe und Form, also Qualität bekennen. Es ist allerdings ein. weitverbreiteter Aberglaube, daß sich Charakter schlecht verkauft“, fügte Margret Hildebrand hinzu. „Vielleicht schließt er gewisse besonders rasche Verdienste aus. Dafür läßt sich ein Stamm von beständigen Kunden gewinnen, mit denen man arbeiten kann.“

Der Charakter eines Unternehmens läßt sich nach Margret Hildebrands Überzeugung nur prägen, wenn Unternehmer und künstlerischer Entwerfer Hand in Hand, in gegenseitiger Kenntnis der Arbeit des anderen vorgehen, und so plädiert sie auf das Nachdrücklichste für ein rechtzeitiges und dauerhaftes Miteinander. Was sich in ihrem eigenen Versuch abzuzeichnen beginnt, ist eine Wiedervereinigung der Gewalten, die sich seit Beginn der Industrialisierung geteilt, sich häufig auseinanderentwickelt, sich spezialisiert und aus den Augen verloren haben. Es kann so auf der industriellen Ebene die Einheitlichkeit der Produktion wiedergewonnen werden, die einst den Handwerksbetrieb auszeichnete. Das handwerkliche oder kunsthandwerkliche Erzeugnis wäre damit endgültig aus der mißlichen Lage befreit, mit zu teuren Arbeitsmethoden eine Mengennachfrage zu befriedigen und könnte so im vollendeten Einzelstück den Sinn für die lebendige Form wachhalten, an der sich auch die industrielle Produktion mit ihren so gänzlich veränderten Arbeits- und Materialbedingungen immer wieder orientieren wird. Ohne – wie es in ihrer Frühzeit geschah – handwerkliche Formen unzulänglich nachzuahmen.