Der Mann, der im Juni dieses Jahres die Kanzel der Ostberliner Marienkirche bestieg, um mit einem aufsehenerregenden Vortrag die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland zu eröffnen, war in Erscheinung, Temperament und bilderreicher Kraft der Sprache dem Doktor Martin Luther nicht unähnlich. Mit der breiten, untersetzten Gestalt des Märkers und dem flatternd weißen Haar um den wuchtigen Schädel schien er das Urbild des protestantischen Pfarrers, wie es in den Gegenden östlich der Elbe zu Hause ist. Seine Rede war vom Impetus des Militanten getragen und enthielt so klug formulierte, sicherlich keineswegs populäre kritische Einsichten, daß sie, recht beherzigt, weit über den Kreis des Kirchenparlaments hinaus von reformatorischer Wirkung in Gemeinden und Kirchenleitungen sein müßte.

Seither ist Generalsuperintendent Günter Jacob aus Cottbus immer stärker in den Vordergrund des Kirchenlebens gerückt, nicht nur in Deutschland, wo er aus den praktischen Erfahrungen der Ostkirche den Christen des Westens Worte harter Selbstkritik sagt, sondern auch in der Ökumene, die seine Standfestigkeit, seine theologische Brillanz und nicht zuletzt seinen Humor zu schätzen weiß. Von Machthabern des Staates wird Jacob als ein Mann der offenen Worte und eines lauteren, zu keinem Kompromiß bereiten Charakters ebenso gefürchtet wie respektiert, und in der Kirche hat seine besonnene Stimme um so mehr Gewicht,-als sie bar jeder Nervosität und in harter Kampferfahrung erprobt ist.

Gleich nach dem Kriege beschloß man, die Generalsuperintendentur Neumark und Niederlausitz Günter Jacob zu übertragen und hielt ihm die Stelle offen, bis er verspätet aus Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Fast sein gesamtes Leben hat der heute Fünfzigjährige in diesem Gebiet im Osten und Südosten Berlins verbracht. Als Lehrerssohn in Berlin geboren, wuchs er in der Mark auf und machte schon in Cottbus sein Abitur. Nach dem Studium in Marburg, das er mit einer Luther-Dissertation abschloß, würde er 1932 Pfarrer in der Lausitz, aus der er seinen Amtssitz seither nicht mehr verlegt hat.

Doch war ihm kein beschauliches Pastorenleben beschieden; von Anfang an hat er sich in die offene Feldschlacht begeben, in der sich für ihn das Leben des Christen abspielt. Er gehört zu den Mitbegründern des Pfarrernotbundes im Dritten Reich und wurde Mitglied des Provinzialbruderrates der Bekennenden Kirche von Brandenburg. Als Autor einer illegalen, weitverbreiteten Flugschrift mit dem Titel „Wo stehen wir heute?“ wurde er 1938 verhaftet. Den Krieg machte er von Anfang bis Ende als einfacher Soldat mit.

1946 trat er sein kirchliches Amt an, zunächst in Lübben im Spreewald, bis 1949 der Amtssitz nach Cottbus verlegt wurde. Zu seinem Sprengel gehören nicht nur die ländlichen Gebiete längs der Oder-Neiße-Linie und die frommen Wenden-Gemeinden des Spreewalds, sondern auch die industriellen Brennpunkte des neuen Staates, die beiden neuen „sozialistischen Stadtgründungen“ der DDR: Stalinstadt, das Eisenhüttenkombinat bei Fürstenberg an der Oder, und das heranwachsende Braunkohlenkombinat „Schwarze Pumpe“ bei Hoyerswerda, das künftige Leninstadt. Was das SED-Regime in Stalinstadt versuchte – die Aussparung kirchlichen Eigenlebens –, soll sich im Kohlenrevier nicht wiederholen: dort ist ein Gemeindezentrum in das Stadtprojekt bereits mit eingeplant. Auch die Schwierigkeiten in Stalinstadt haben auf das Gemeindeleben einen von den Funktionären sicher nicht erwarteten Effekt gehabt; Jacob berichtet hier von einer besonders aktiven Gemeinde, fern jener christlich lackierten Lebenspraxis oder der „idealistischen Kulissenstaffage aus der Erbmasse vergangener Jahrhunderte“, die er im Westen so gefährlich wuchern sieht. In der Gemeinde von Stalinstadt gibt es keine Alten und Rentner, es sind meist junge Arbeiter, die „durch das Minenfeld hindurch“ sind.

Günter Jacob verwendet gern militärische Vergleiche, wenn er von der Situation der Kirche spricht. „Man reist nicht dauernd von der Front in die Etappe“ antwortet er auf die Frage, ob er häufig in den Westen fährt. In den schweren Monaten Anfang 1953 hat er unverblümt vom „zweiten Kirchenkampf“ gesprochen; nur daß ihm der Kommunismus im Vergleich zum Nationalsozialismus als ein sozusagen seriöserer Gegner erschien, freilich kein wenig gefährlicherer.

In Beiträgen zur Kirchenpresse und in Vorträgen vor den Studentengemeinden der DDR hat er die Fronten damals klar und mutig umrissen. Er verurteilte alle Versuche zum ideologischen Brückenschlag, die von gewissen SED-Pfarrern noch immer unternommen werden; ein „fortschrittlicherChrist“ ist für ihn ein Selbstmordkandidat, der Lächerlichkeit hüben und drüben preisgegeben. Der Kommunismus ist für ihn die Flucht in eine säkularisierte Heilslehre, und der Anhänger des leninistischen Credo präsentiert sich ihm als ein atheistischer religiosus, ein Gläubiger also, mit dem nicht philosophisch diskutiert werden kann.

In der Praxis einer atheistisch bestimmten Öffentlichkeit behauptet Jacob eine Haltung, die von Resignation ebenso weit entfernt ist wie von mutwilliger Rebellion. Für ihn ist die Obrigkeit, unabhängig von ihrer Genesis, von Gott gesetzt und damit ihr Anspruch auf Loyalität. Doch erhebt die Kirche ihrerseits Anspruch auf Wirken im öffentlichen Feld, und wer sie in ein kultisches Reservat oder in das Ghetto frommer Innerlichkeit eingrenzen will, muß ihres Widerstandes gewärtig sein – eines Widerstandes, den Jacob in seinem Sprengel so beharrlich geübt hat, daß er heute nach Meinung mancher Amtsbrüder der Kirchenmann ist, der mit der Obrigkeit „am besten auskommt“.

Zwar verwendet Jacob, wenn er von der Kirche in der DDR spricht, das Bild von der eingekesselten Truppe, der belagerten Festung. Aber scharf verwahrt er sich gegen jede Art einer „Festungsmentalität“, die für ihn die eigentliche Anfechtung der Kirche ist. Der Generalsuperintendent von Cottbus ist nicht nur ein wortgewandter, er ist auch ein gelehrter und ungewöhnlich belesener Mann. Er hat die kommunistischen Schriftsteller so gründlich gelesen wie die katholischen Zeitgenossen; er kennt die existentialistischen Autoren so gut wie die westlichen Modeliteraten.

Und er sieht gewiß schärfer als mancher Amtsbruder im Westen Tendenzen und Gefahren in der Kirche selbst. So erklären sich seine erfrischenden Attacken gegen die „muffigen Räume tradierter Kirchlichkeit“, gegen die Treibhausluft frommer Konventikel oder die Kasematten einer Innerlichkeit, in denen man vor den Stürmen der Zeit zu überwintern trachtet. Alle christliche Introversion erscheint Jacob als „sehr gefährlicher Irrweg“; es gibt für ihn keine windgeschützten Winkel, sondern nur den Auftrag an die Gemeinde, „im offenen Gelände der Welt und ihrer Geschichte den auf sie einstürmenden Anklagen in Bekenntnisakten Antwort zu geben“.

Die Welt „sitzt uns im Blut“, eine innere Emigration aus ihr gibt es nicht. So sieht Jacob einen Vorzug darin, daß im Osten die Luft voll Feindschaft und Gefahr, aber – seiner Ansicht nach – klar, sauber und offen ist, während im Westen die vielfältigen Strömungen einer theoretischen und praktischen Gottlosigkeit sich noch nicht zu reinigenden Gewittern entladen haben und das überkommene Klima einer unverbindlichen, oftmals nur dekorativen Christlichkeit tolerieren.

Die Gefahr in beiden Teilen Deutschlands ist für Jacob die gleiche, und es „kann keine Rede davon sein, daß die Christenheit des Westens von einem sichere“ Hafen aus und gleichsam in der Haltung des Zuschauers am Ufer unsere gewiß nicht leichte Fahrt auf offener See mit Gefühlen des Mitleids betrachtet und sich nur für eine Bergung von Schiffbrüchigen bereithält“. In den windgeschützten Hafen jedenfalls sehnt sich der Kirchenmann aus Cottbus nicht zurück. Denn der Christ von heute, meint er, kann nur ein Christ sein, der „durch die Feuerzonen der Gegenwart, durch die Krater des Nihilismus und durch die Explosionen des Kommunismus hindurchgeht und sie im Lichtschein Jesu Christi in sich selbst überwindet“. Sabina Lietzmann