Von Fritz Baade

Die Ernennung von Christian Herter zum Unterstaatssekretär im US-State-Department weckt Erinnerungen an die ersten Jahre nach dem Zusammenbruch, in denen Herter der erste war, der eine Bresche in die Morgenthau-Rachsucht schlug. Wir haben Professor Fritz Baade, der im Kampf gegen die Demontage sehr aktiv war und der damals zusammen mit dem Amerikaner Christopher Emmet in USA eine Broschüre "Zerstörung auf unsere Kosten" verfaßte, gebeten, uns die wesentlichsten Ereignisse der damaligen Zeit, die so ganz in Vergessenheit geraten sind, noch einmal zu schildern.

Am 5. Juni 1947 hatte George Marshall mit seiner historischen Rede in Harvard den Marshallplan aus der Taufe gehoben. Das war zunächst nur ein allgemeines, wenn auch glänzend und weitsichtig formuliertes Programm. Um es mit Inhalt zu erfüllen, hatten sich in Paris diejenigen zusammengesetzt, denen geholfen werden sollte: die sechzehn Empfänger-Nationen.

Im Rat dieser Nationen war Deutschland weder durch deutsche Politiker noch durch deutsche Wissenschaftler oder Männer der Wirtschaft vertreten; lediglich Repräsentanten der Militärregierung haben als Vertreter der Bizone an den Beratungen teilgenommen. Das Pariser Gutachten unterstellte es als selbstverständlich, daß etwa ein Drittel der Kapazität der deutschen Stahlindustrie durch Demontage zerstört werden würde. Es war der gemeinsame Plan der sechzehn Nationen und der Militärregierung, daß Westdeutschland aufhören sollte, in nennenswertem Umfang Stahl, Walzwerkerzeugnisse, schwere Maschinen und Produkte der Schwerchemie zu exportieren; daß der deutsche Export in der Hauptsache aus Rohstoffen, wie Kohle, Holz, Schrott, und darüber hinaus aus Erzeugnissen der Leichtindustrie bestehen sollte.

Jede der in Paris versammelten sechzehn Nationen schrieb damals, wie Senator Taft es einmal ausgedrückt hat, einfach das auf, was sie als Defizit ihrer Volkswirtschaft für die nächsten vier Jahre erwartete, und die Pariser Konferenz präsentierte dann die Summe dieser Einzelwünsche den Vereinigten Staaten. Die erste Antwort Amerikas auf diese Mißgeburt einer Europaplanung war der Harriman-Report gewesen. Dieser Bericht reduzierte das Stahl- und Maschinenlieferungsprogramm gegenüber den Pariser Anforderungen erheblich, aber auch er betrachtete das Industrie-Beschränkungsprogramm der Besatzungsbehörden und das Demontageprogramm als unabwendbares politisches Faktum.

Erst der Herter-Report brachte den entscheidenden Durchbruch zu einer wirklichen Europa-Planung und zu einem sinnvollen Einbau der deutschen Leistungskraft in den Wiederaufbau Europas. Als berufenes politisches Organ der amerikanischen Volksvertretung, die die Geldmittel für die Europahilfe zu bewilligen hat, betrachtete sich das Herter Committee in keiner Weise an das Demontageprogramm der Militärregierung gebunden, und konnte deshalb eine viel konstruktivere Stellung einnehmen als das Harriman Committee. Dieses hatte sich damit begnügt, die Stahl- und Maschinenforderungen der sechzehn Nationen auf die Hälfte zusammenzustreichen, ohne aber zu sagen, woher die andere Hälfte kommen werde. Der Bericht des Herter Committees aber gab hierauf mit aller Deutlichkeit eine Antwort: aus Deutschland.

Der Herter-Report verlangt eine Erweiterung der deutschen Rohstahlproduktion und empfiehlt ausdrücklich, alle Pläne zu stoppen, die solche deutschen Fabriken demontieren oder auf andere Weise betriebsunfähig machen wollen.