Ein Reisemarschall ist heute ebenso überflüssig geworden wie ein Hofnarr. Goethe reiste mit seinem Kammerdiener, dem er in genialer Unbekümmertheit den organisatorischen Teil seiner Reise überließ. Dazu gehörte damals das Auswechseln der Postpferde, die Bewahrung der Geldschatulle, die Vorbereitung des Speisezettels in der jeweiligen Herberge. Ob es zu seinen dienstlichen Obliegenheiten gehörte, den Türmer des Ortes, den sie gerade erreichten, zu einem Begrüßungsständchen zu ermuntern, wissen wir nicht. In Karlsbad beispielsweise hat er es getan und damit bewiesen, welchen edlen Anstrengungen sich ein Reisemarschall freiwillig unterwarf.

Seitdem die Herbergen heute nur noch Hotels heißen, gibt es auch keine echten Reisemarschälle mehr. Was sich heute in den Zeitungsinseraten unter der weitläufigen Rubrik „Bekanntschaften“ als Reisemarschall anbietet, hat nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem Schutzengel der damaligen Zeit. Gegen Erlassung von Benzinkostenzuschuß erwartet er „gute Figur und erstklassige Garderobe“. Weit davon entfernt, auf den Stufen der Akropolis ein Sonett von Hölderlin zu zitieren, sieht er in südlichen Mondscheinnächten weniger eine Gelegenheit zu gemeinsamer geistiger Entflammung, sondern ist in solchen Stunden auf direktere Vergeltung seines materiellen Entgegenkommens bedacht.

Endlich gibt es noch den zur Betreuung des Kollektivs verpflichteten Reisemarschall, den man heute Reiseleiter nennt. Ein agiler Herr in Baskenmütze, ist er Hirte und Schäferhund in einer Person, indem er nämlich die Herde kläffend zusammenhält und gleichzeitig gute Weidegründe für sie sucht. Ganze Völkerscharen treibt er so über die Grenzen. Seine Vielseitigkeit, sein Anpassungsvermögen halten mit seiner kunsthistorischen Erfahrung Schritt. Von wissensgeschwellten Studienrätinnen in die Enge getrieben, die sich genau daran erinnern, wann Kaiser Nero zum letztenmal das Kolosseum anläßlich eines Wagenrennens besuchte, können sie mit äußerster Duldsamkeit „ach ja, da haben Sie ganz recht“, sagen, „es war genau am 14. Juli 62 nach Christi, 20 Uhr“, und vermögen auch den Bäckermeister aus der Provinz davon zu überzeugen, daß Rodin der Erfinder des Rodonkuchens war. Auf der Seufzerbrücke von Venedig erfinden sie gleich ein paar Anekdoten aus dem Leben eines übel beleumundeten Kavaliers, den die perlengeschmückte Hand einer verschleierten Marquesa in den Kanal hinunterstieß. Mit ihren Erklärungen so blitzschnell bei der Hand wie ein Automat, besitzen sie eine umfassende Kenntnis aller Währungen und Wechselkurse, aller Nachtlokale, und tiefenpsychologische Erfahrungen im Umgang mit einsamen Damen und exklusiven Speisekarten.

Einer restlos ausgestorbenen Gattung gehört Wilhelm Schlegel an, den die Nachwelt mit Recht als literarischen Reisemarschall rühmt. Er hat Madame de Staël jahrelang durch halb Europa begleitet – ohne D-Züge, ohne Speisewagen, ohne Sportkabriolet. Schlegel, der geniale Shakespeare-Übersetzer, schleifte sie in ermüdendem Postkutschentempo von einem Land zum anderen. Ihren scharfzüngigen Reden standhaltend, erarbeitete er mit ihr gemeinsam das geistige Gerüst Europas, ohne das ihre kühne Verbindung nicht denkbar wäre. Am Beispiel solcher Partnerschaft wird offenbar, daß der romantische Schildknappe, der sich ebenso um Pferde und Herbergen, um Geld und Garderobe, um Einladungen und Verabredungen kümmerte, ihr obendrein im Austausch ihrer gediegenen Meinungen noch die volle Unabhängigkeit garantierend, mit Wilhelm Schlegel dahinging.

Wir können uns indessen heute des Flugzeuges und des auf seine Verantwortlichkeiten gedrillten Reiseleiters bedienen; wer aber würde nicht manchmal von der Sehnsucht nach der schönen Planlosigkeit, nach dem wirklichen Abenteuer, das aus einem gewissen Aufbruch, aber einer ungewissen Ankunft besteht, heimgesucht? Aber ach: solche Reisemarschälle, die man nicht mit Geld, sondern mit Vertrauen entlohnt und die einen zum Ziel seiner Wünsche auf angenehmen Wegen führen können, gibt es nicht mehr. Ingeborg Meyer-Sickendiek