Von Alexander Mitscherlich

I.

Am 21. April vorigen Jahres gedachten wir an dieser Stelle des 70. Geburtstages Viktor von Weizsäckers. Damals war er schon im Leiden verstummt. Er hat nichts getan, um es sich zu erleichtern. Es war seine Form der "Solidarität mit dem Tode". Nun ist er aus dieser lang erlebten Solidarität in die Identität mit ihm eingetreten. Familie und Freunde begruben ihn still in dem stillen Friedhof am Beginn der Bergstraße, wo er zwischen Obstgärten, Weinbergen und Edelkastanienwäldern manches Jahrzehnt sinnierend wanderte, am Rande der "Phäakenstraße" – was er als rühmlich gewertet wissen wollte.

II.

Der "Arzt und Philosoph" sei gestorben, hieß es in der ersten Nachricht. Ich habe nie von ihm gehört, daß er sich als Philosophen bezeichnete. Er hätte diese doppelte Einordnung verwundert, aber schließlich nicht ohne Verständnis für ihren Hintersinn vernommen. Was da zur Ehrung auseinandergehalten, mit einem "und" aneinandergereiht wird, das hieß in den alltäglichen Lebenszeiten: "philosophierender Arzt" – und was das in der Zunft bedeutet, bedarf keiner Erläuterung. Wenn man einen Toten geliebt hat, warum soll man vergessen, wie man von ihm dachte, wie man ihm begegnete, als er in voller Kraft unter uns einherging. Im Besitz der besten theoretischen und klinischen Ausbildung, ausgewiesen durch glänzende wissenschaftliche Arbeiten, ein hervorragender Arzt und Lehrer, berief man ihn doch nicht während 20 Jahren nach seiner Habilitation auf einen der repräsentativen Lehrstühle des Landes. Als dies schließlich mitten im Krieg geschah und er nach Breslau übersiedelte, verlor er dort Wirkungsfeld und Habe. Nach Heidelberg zurückgekehrt, wurde für ihn ein persönliches Ordinariat für "Allgemeine Medizin" errichtet, das mit seiner Emeritierung wieder aufgelöst wurde. Weizsäckers Wirkung ist nirgends ins Institutionelle gewachsen. Und der bedenkliche Vorbehalt, dem er unter den Kollegen begegnete, hängt mit dieser Unbequemlichkeit zusammen, in ihm einem Fragenden zu begegnen, der den stillschweigenden Voraussetzungen mit Skepsis gegenübersteht. Die Institutionen der Wissenschaft haben die Gaben eines bedeutenden Mannes nicht zu nutzen verstanden.

Die Haltung ihm gegenüber war gekennzeichnet durch Unsicherheit. Autoritäten wie etwa Karl Jaspers haben weder schriftlich noch mündlich ein Hehl aus ihrer Ablehnung gemacht. Weizsäcker hat versucht, zu erkennen, was ein krankhaftes Zeichen im menschlichen Lebensbereich bedeutet und hat sich dabei "keine Einschränkung einer vorgezeichneten Forschungsmethode gefallen lassen". So schrieb er 1935 in den "Studien zur Pathogenese", einem bis heute erregend gebliebenen Buch, denn es ist einer der Marksteine, auf den man trifft, wenn man den Weg eines neuen klinischen Denkens verfolgt. Was man auf diesem Wege traf, hätte nicht notwendig zu einer unerfreulichen Wiederbegegnung für die Mehrzahl der Forscher führen müssen. Man hätte das "Subjekt" auch freundlicher begrüßen können, als man es tat. Mit ihm taucht freilich so etwas wie ein alter Gläubiger der naturwissenschaftlichen Medizin auf, ein Expropiierter, der einen neuen Anwalt gefunden hatte. Der Rechtshelfer blieb so unsympathisch, wie sein Klient selbst. Seit Sigmund Freud läuft die ganze Angelegenheit auf einen Methodenprozeß hinaus. "Die Einführung des Subjekts in die Methode der Forschung", schrieb Weizsäcker, "ist der Punkt, an dem die Beschreibung der Grundlagen einsetzt..."

III.