Zweimal wurde die deutsche Demokratie aus dem deutschen Zusammenbruch geboren. Zweimal in einer Generation war die militärische Niederlage Deutschlands die Bedingung eines Neubeginns des politischen Lebens. Zweimal erforderte dieser Neubeginn eine Absage an die bis dahin gültige staatliche Existenz. Mehr noch: die erste deutsche Republik, entstanden aus dem Zusammenbruch des Kaiserreiches, trug in sich den Keim der tödlichen Krankheit, die 1933 zum Ausbruch kam und 1945 mit der Katastrophe endete. So ist es naheliegend, unermüdlich Parallelen zu ziehen, die sich überdies billig der Polemik gegen das Bestehende anbieten. Wie weit diese Parallelen wirklich gezogen werden können, hat als erster der Schweizer Allemann untersucht. Das Ergebnis seiner Untersuchung wird schon in ihrem Titel mitgeteilt:

Fritz René Allemann: "Bonn ist nicht Weimar." Kiepenheuer u. Witsch, Köln; 440 S., 16,80 DM.

Allemann hält uns in dieser Studie, die vornehmlich von der Bundesrepublik handelt, die Historie jedoch jederzeit zur Hand hat, unerbittlich den Spiegel vor, der nicht in erster Linie unserer Selbstgefälligkeit schmeichelt, sondern schonungslos Schönheitsfehler und ernsthaftere Mängel wiedergibt. Sein Bild der Bundesrepublik ist das eines freundlichen Nachbarn, "der aber freilich auch keinen Grund sieht, im freundschaftlichen Gespräch... manche besorgte Beobachtung zu verschweigen und mit dem kritischen Wort hintanzuhalten". Das ist alles in allem ein guter Ausgangspunkt.

Schon der Anfang war anders. Allemann konstatiert den Unterschied lapidar: "1918 brach ein Regime zusammen, 1945 ein Staat." Die Katastrophe von 1945 aber hatte ein Gutes. Die Militärs mußten den Krieg, den sie verloren hatten, selbst beenden. Auch gab es in den ersten drei Jahren nach dem Zusammenbruch keine deutsche Regierung, die die Verantwortung für die Folgen des nationalsozialistischen Bankrotts auf sich nehmen mußte.

Bonn sollte nicht Weimar werden. Bei der Arbeit am Grundgesetz wurde auf Weimar zumeist negativ Bezug genommen. Die präsidialen und plebiszitären Bestandteile der Weimarer Verfassung wurden fast ausgeschieden, die Regierungsgewalt gegenüber der Volksvertretung gestärkt, Regierung und Parlament durch wirksamere, richterliche Kontrolle enger an die Verfassung selbst gebunden. Allerdings hat die Distanzierung von Weimar und die veränderte innen- und außenpolitische Situation neue Probleme aufgeworfen. Die Stärkung der Regierungsgewalt – untermauert durch das "konstruktive Mißtrauensvotum" – hat unter dem ersten bundesrepublikanischen Regierungschef zu einer "Verkümmerung der demokratischen Institutionen" geführt.

Allemann läßt die wichtigsten Aspekte unseres politischen Lebens Revue passieren, um immer wieder die Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart herauszuarbeiten. Die parteipolitische Entwicklung in der Bundesrepublik etwa ist – im krassen Gegensatz zu Weimar – bestimmt von der "Auflösung der politischen Weltanschauungen". Die Revolte der jungen Garde der FDP signalisierte den Abschluß einer Entwicklung, deren Bedeutung weit über die Parteipolitik hinausweist: "Die Entideologisierung des parteipolitischen Liberalismus ist unter anderem auch die Antwort auf die Entsozialisierung des parteipolitischen Sozialismus." Aus der Annäherung zwischen Liberalen und Sozialisten ist – und das ist Ereignis – eine oppositionelle Gruppierung entstanden, deren Anwartschaft auf die Regierung ernst zu nehmen ist. Es gibt heute in der Bundesrepublik, was es in Weimar niemals gab: eine demokratische Alternative. Bei aller Bitterkeit der Kämpfe zwischen Regierung und Opposition wird der demokratische Staat selbst niemals in Frage gestellt. Dieser politischen Entwicklung entspricht die psychologische. Die für Weimar so tödliche "innere und äußere Sezession ganzer Volksschichten vom Staat" hat bisher nicht stattgefunden. Allemann spricht in diesem Zusammenhang vom "hingenommenen Staat", der zwar keine Begeisterung zu erwecken vermag, dessen Macht aber so gefestigt ist, daß selbst seine potentiellen Feinde bei ihren Unterwanderungsversuchen gezwungen sind, sich demokratisch zu tarnen.

Das Verhältnis zwischen Staat und Armee ist stets problematisch. Aber auch hier ist die Bundesrepublik gegenüber Weimar im Vorteil. 1918konnte der neue Staat sich nur mit Hilfe der alten Armee behaupten. Die Bundeswehr dagegen ist das Geschöpf eines bereits konsolidierten Staatswesens. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß die Bundesrepublik durch den zeitlichen Vorsprung der Zivilgewalt jede Chance hat, wo Weimar praktisch keine besaß. Allemann wiederholt in diesem Zusammenhang, was Friedrich Ebert einst vergeblich seinen Anhängern klarzumachen versuchte, wenn er betont, daß die Demokraten es sich nicht leisten können, ihre Hand von diesem wichtigsten innenpolitischen Problem abzuziehen, um sie im Wasser des Antimilitarismus zu waschen.