Von Rudolf Walter Leonhardt

Das Gesicht des großen alten Mannes verriet trotz stoischer Beherrschung die Gefühle, die ihn bewegt haben müssen, als er sich aufgefordert sah, seinen eigenen Erben zu enterben. Weder das mutwillige Blinzeln noch das verräterische Zucken um die Mundwinkel, das den dieser Welt schon halb entrückten Greis auf einmal so menschlich machen kann, entspannte Sir Winston Churchills Züge, als er am Donnerstag kurz nach halb zwölf Uhr den Posten am Buckingham-Palast passierte; tiefernst, verbissen beinahe wirkte der letzte große britische Premierminister auch, als er eine halbe Stunde später von der Audienz, zu der ihn Königin Elizabeth gebeten hatte, zurückkehrte.

Er hatte seinen Teil dazu beigetragen, einen Nachfolger für den Ersten Minister Ihrer Majestät zu bestimmen – einen Nachfolger für seinen eigenen Erben Sir Anthony Eden, der wieder enterbt werden mußte, weil die Ereignisse stärker waren als er. Völlige physische Erschöpfung war der Anlaß – und nicht etwa nur ein Vorwand – für Edens Rücktritt wie vorher für seine Jamaikareise; auf den eigentlichen Grund, das Fiasko seiner politischen Entscheidungen im Nahen Osten, haben wir während der letzten Wochen so eingehend hingewiesen, daß uns zuweilen sogar mangelndes Verständnis für die britische Situation oder fehlende Sympathie für jede Art von "konservativer" Politik unterstellt wurde – bis die Ereignisse für sich selber sprachen.

Bei all dem kann man die Tragödie des Mannes nicht übersehen, der dreizehn Jahre lang geduldig darauf wartete, das Erbe anzutreten, das für ihn bestimmt war, und der dieses Erbe dann nicht einmal zwei Jahre lang verwalten durfte. Es ist wirklich eine Tragödie, mit allen klassischen Ingredienzien: dem plötzlichen Fall aus großer Höhe, dem schuldlos Schuldigwerden, einem Hauch des heroisch-stoischen Geistes sogar, mit dem die Helden Corneilles schließlich ihre Leidenschaften der Vernunft unterordnen. Tragische Figur ist dabei auch der Erblasser (wie es in juristischen Dokumenten heißt), der im April 1955 gewiß nicht leichten Herzens dem Jüngeren Platz machte und sich heute fragen muß, ob er nicht besser getan hätte, dem allgemeinen Drängen zu widerstehen und das Steuer für zwei Jahre noch selber in der Hand zu behalten.

Sir Winstons Testament datiert schon aus dem Jahre 1942. Damals richtete er, kurz vor seiner zweiten Fahrt über den Atlantik nach Washington, an König Georg VI. einen Brief, in dem es hieß: "Für den Fall meines Todes... möchte ich ... raten, daß Eure Majestät die Bildung einer neuen Regierung Mr. Anthony Eden anvertrauen möge, der nach meinem Urteil der hervorragendste Minister der größten Partei im Unterhaus ist."

Es ist schwer, völlig zu begreifen, warum sich Churchill damals und von da an immer wieder in so nachdrücklicher Weise für Eden einsetzte. Größere Gegensätze, sollte man meinen, sind innerhalb der Gesellschaftsschicht, der sie beide angehören, kaum vorstellbar. Churchill: vital, polternd, draufgängerisch, jovial, ein gewaltiger, von seinen Gegnern gefürchteter Redner, in jedem Sinneein "Schwergewicht" und für seine Partei immer ein enfant terrible; Eden: empfindlich, scheu, zurückhaltend, als Redner von seinen Anhängern gefürchtet, eher ein "Mittelgewicht" und zu jeder Zeit ein loyaler Diener seiner Partei. Churchills politische Karriere: legendenumwoben schon in ihren viktorianischen Anfängen, steil aufsteigend zum Gipfel, dann jäher Sturz, Verbannung, und schließlich wieder, von heute auf morgen fast, Premierminister; alle wichtigen Regierungsämter hatte er irgendwann einmal inne – mit einer Ausnahme: er war nie Außenminister. Nur ein einziges Regierungsamt hingegen hat Eden, ehe er Premierminister wurde, wirklich kennengelernt: eben das des Außenministers (das Ministerium für Dominien und das Kriegsministerium leitete er nur vorübergehend). Im Foreign Office hat er sich mit Charme, Gewissenhaftigkeit und Fleiß große Verdienste erworben; geduldig hat er dort gewartet, jahrelang, länger als ein Jahrzehnt, bis endlich seine Stunde kam – oder das, was irrtümlicherweise für "seine Stunde" gehalten wurde.

Es gab eine andere "große Stunde" in Edens Leben, die häufig beschworen worden ist: sein "Widerstand gegen die Diktatur" Hitlers und Mussolinis und sein damit motivierter Rücktritt vom Posten des Außenministers im Kabinett Chamberlain. Vielleicht ist zuviel davon geredet worden – so viel, daß Eden das Gefühl haben konnte, er müsse noch mehr tun im Kampf gegen Diktatoren, um die immerwährende Hervorhebung seiner Resignation von 1938 als einer kühnen, einmaligen, weitschauenden Handlung zu rechtfertigen.