Spricht heute noch jemand von Napoleons ägyptischemAbenteuer an der Neige des 18. Jahrhunderts, dann meist nur, um zu erwähnen, daß im Gefolge der französischen Soldaten die französischen Wissenschaftler an den Nil kamen und daß damit ein neues Kapitel der Archäologie anhob...

Spricht in 150 Jahren noch jemand von Ben Gurions ägyptischem Abenteuer... nein, ganz so weit wollen wir die Parallele nicht ziehen. Ben Gurion ist gewiß kein Napoleon, und ob die Wissenschaftler von der hebräischen Universität in Jerusalem, die dieser Tage in den Spuren israelischer Panzer zur Sinai-Halbinsel gefahren sind, ein neues Wissenschaftskapitel aufschlagen werden, steht zumindest noch dahin. Interessant aber ist diese Expedition, und interessant ist vor allem ihr Ziel: eine der ältesten christlichen Kultstätten, das St.-Katharinen-Kloster. Es steht heute noch am gleichen Platz, an dem es vor 1600 Jahren erbaut wurde: auf einem Bergplateau im Süden der Halbinsel, umrahmt von hohen Gipfeln – deren einer der Dschebel Musa, der Berg Moses’, genannt wird, weil man glaubt, hier handle es sich um den alttestamentarischen Berg Sinai, auf dem Moses die zehn Gebote Gottes empfangen hat.

Um dieses Kloster, das lange so gut wie vergessen war und das erst durch den Krieg wieder in das Blickfeld der sogenannten Weltöffentlichkeit gerückt wurde, ist es während der vergangenen Wochen zwischen den Kriegsgegnern zu handfesten Beschuldigungen gekommen. Die Ägypter behaupteten, israelische Truppen hätten das Kloster zerstört, während die Israelis verlauten ließen, sie hätten im Gegenteil das Kloster geschützt, müßten nun aber befürchten, die Ägypter würden nach einem israelischen Rückzug von der Sinai-Halbinsel ihrerseits Zerstörungen anrichten und ihren Gegnern dann die Schuld zuschieben.

Das Gewicht solcher Vorwürfe kann nur ermessen, wer erfährt, welche unschätzbaren Kulturwerte in dem Kloster lagern. Da ist vor allem eine Bibliothek mit 3200 Manuskripten und Schriftrollen und 7000 alten Büchern, die in griechischer, lateinischer, syrischer, polnischer, arabischer, türkischer, englischer, französischer, italienischer, koptischer, bulgarischer, amharischer und slawonischer Sprache abgefaßt sind. Hauptsächlich handelt es sich um Schriften religiösen Inhalts: um alte Bibelübersetzungen, um theologische Manuskripte und um Heiligengeschichten. Daneben aber finden sich viele Schriften historischen und geographischen Charakters.

Inzwischen scheint es erwiesen, daß das Kloster unzerstört ist. Der Archimandrit teilte dem Roten Kreuz mit, die Israelis hätten die Mönche korrekt und zuvorkommend behandelt, und mit seiner Genehmigung habe nunmehr die israelische Forschergruppe – ihr gehören Religionswissenschaftler, Historiker, Linguisten, Geographen, Archäologen, Botaniker und Zoologen an – ihre Arbeit im Kloster aufgenommen. Auf Bitten der israelischen Botschaft in Paris ist im Aufträge der UNESCO vor einigen Tagen außerdem der belgische Orientexperte, Professor Gerard Garitte, zur Halbinsel Sinai aufgebrochen, um sich von der Unversehrtheit des St. Katharinenklosters zu überzeugen.

Daß ein altchristliches Kloster der Vergessenheit entrissen wurde, daß die Wissenschaft verstaubte Schätze zutage hebt, vielleicht neue Erkenntnisse gewinnt – darin liegt sicherlich ein begrüßenswertes Ergebnis des Sinai-Feldzuges. Aber wohl auch sein einziges und zugleich, leider, sein einzig ungewolltes. h. g.