Es war Samstag und die Sonne schien, als Robert Hafner mittags das Büro verließ. Er verharrte einen Augenblick im Schatten des Ausgangs und blinzelte unschlüssig die Straße hinauf und hinunter. Schließlich überließ er sich einfach dem Strom der Menge.

Wochenende. Aber er empfand keinerlei Freude darüber. Die Fülle der Zeit, über die er bis zum Montagmorgen gebieten durfte, erschreckte ihn. Gewiß, er ging ins Kino oder manchmal in die Eckkneipe, um sich das Fernsehprogramm anzusehen. Aber das gewisse Unbehagen, welches ihn quälte, vermochte er dadurch nicht zu überwinden.

Er blieb vor dem Schaufenster eines Modesalons stehen und ließ seine Blicke über die ausgestellten Kleider gleiten. Auf einem Kleid, welches die Arme freiließ und nur von zwei schmalen Trägern gehalten wurde, blieben sie etwas länger haften. Als er sich abwenden wollte, begegnete er dem brennenden Blick seiner Augen in der spiegelnden Scheibe.

Spiegel waren ihm verhaßt. Dennoch zogen sie ihn immer wieder unwiderstehlich an. Oftmals brachte er eine Stunde und länger davor zu. Dann redete er und lachte, betörend und selbstsicher, zynisch und hinterhältig und beobachtete sich dabei scharf wie ein Schauspieler, der vor einem Spiegel eine Rolle einstudiert. Oder er setzte sich lässig mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einen Stuhl. und betrachtete sich im Profil mit Hilfe eines zweiten Spiegels. Auf diese Weise hoffte er, seine unbeholfene Ausdrucksweise und seine linkischen Bewegungen zu korrigieren. Gewöhnlich gelang es ihm, darüber auch die Mängel seines Äußeren, unter denen er eigentlich litt, zu vergessen.

Bevor er völlig der Versuchung erlag, sich in der Schaufensterscheibe kritisch zu mustern, drehte er sich brüsk weg und schlenderte ziellos weiter.

Auf einmal straffte sich seine in der Brust eingeknickte Gestalt. Seine schlaff pendelnden Arme gerieten in akkurate Bewegungen. Die Hand in der linken Tasche des Jacketts erschien ihm zu steif, in der Hosentasche wirkte sie salopper. Mit einem flotten Sprung verließ er den Gehweg und kreuzte schräg die Straße, einen Tisch vor einer Espresso-Bar auf der gegenüberliegenden Seite ins Auge gefaßt. An dem Tisch saß vor einem Glas Limonade ein Mädchen und beobachtete gelangweilt die vorbeiflanierenden Menschen. Der zweite Stuhl an ihrem Tisch war noch frei.

Sie maß den Mann mit einem abschätzenden Blick, als er fragte, ob er Platz nehmen dürfe. Einen Augenblick lang zögerte sie, dann erst nickte sie. Robert Hafner schoß das Blut ins Gesicht. Er begriff, daß sie nur aus Höflichkeit genickt hatte. Die Verbeugung, die seine Frage weltmännisch hatte unterstreichen sollen, war ihm mißglückt. Steif setzte er sich in dem unbehaglichen Gefühl, daß die Menschen an den Tischen seine Avancen amüsiert verfolgten. Daraufhin tat er, als wäre ihm das Mädchen gleichgültig und konzentrierte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Verkehr. Es kostete ihn jedoch einige Anstrengungen, betont in eine andere Richtung zu sehen. Schon nach kurzer Zeit wagte er hin und wieder scheue Blicke aus den Augenwinkeln heraus. Und allmählich wurden sie immer unbedenklicher, bis er dann seinen Stuhl so rückte, daß er sie beobachten konnte, ohne von ihr ertappt zu werden.