Von Georg Gnieser

Seit Ende vorigen Jahres weiß in Deutschland auch eine breitere Öffentlichkeit, daß in der deutschen Filmwirtschaft einiges nicht stimmt. „Da ist der Wurm drin“ – sagt man zu solchen Situationen gern in Berlin, und er scheint es auch zu seit, da sich seit Dezember in Frankfurt und Berlin, in München und wieder in Frankfurt die Fälle gehäuft haben, in denen Verleih- und Produktionsfirmen in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind. Bei den einen ist es zunächst bei der augenblicklichen Illiquidität geblieben, andere haben ein Vergleichsverfahren beantragt, das in einem Fall vom Gericht abgelehnt. und in ein Anschlußkonkursverfahren umgewandelt worden ist.

Das Publikum, das der Filmwirtschaft nur aus der Perspektive des Kinosessels verbunden ist, weil sich aus diesen Tatsachen keinen rechten Reim zu machen. Es sieht im allgemeinen nur, daß da „Flimmerkiste“, das Kino von nebenan, meistens recht gut besetzt ist, hat erlebt, daß viele Lichtspieltheaterbesitzer in den letzten Jahren offenbar erhebliche Beträge für Renovierung der Lustbarkeitsstätte und für neue Apparaturen ausgegeben haben. „Schlecht kann es denen doch nicht gehen’ oder „wem es da schlecht geht, der ist selbst schuld daran“ – in diesen und ähnlichen Tonarten kam man die „Stimme des Volkes“ hören, sofern sie überhaupt in Sachen Filmwirtschaft erhoben wird und sich nicht mit Fragen des Geschmacks, der Ansicht der berühmten „Lieschen Müller“ und dem Problem „Schnulze oder nicht“ beschäftigt. Mai hat vielleicht noch mit offenen Augen bemerkt, daß „Ufa“ und „Bavaria“ wiedererstanden sind, hat von einflußreichen Bankgruppen gehört, die dahinterstehen, und damit ist es für die Masse des Filmpublikums ausgemachte Sache: „Dem Film geht es nicht schlecht.“

Diese weitverbreitete Ansicht ändert allerdings ebensowenig an der Wirklichkeit wie die noch immer ungelöste Frage, ob künstlerisch wertvolle Filme notwendigerweise geschäftliche Mißerfolge sein müssen oder nicht. Die Tatsache besteht nun einmal, daß das Filmgeschäft zu den risikoreichsten gehört, die es überhaupt gibt, und daß man sich hier wie auch sonst vor Verallgemeinerungen hüten sollte. Eine besondere deutsche Tatsache ist es ferner, daß nach der völligen Staatsmonopolisierung des Films in den „tausend Jahren“ des Reichspropagandaministeriums nach dem Krieg nur wenige Fachleute vorhanden waren, die über eine ausreichende Sachkenntnis und Erfahrung verfügten, um allen Wechselfällen gewachsen zu sein. So schossen die Produktions- und Verleihfirmen wie Pilze aus dem Boden. Es wird in vielen Fällen ein Geheimnis bleiben, aus welchen dunklen Quellen das Kapital stammte und woher die neuen Herren den Mut bezogen, sich ausgerechnet in die Filmbranche zu wagen. Daß dieses Kapital in vielen Fällen selbst für sachkundig geleitete Unternehmen zu gering gewesen wäre, um allen Risiken gewachsen zu sein, steht auf einem anderen Blatt.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Wirtschaftsunternehmen liegt allerdings woanders. Mit der Normalisierung und dem Aufschwung unserer Wirtschaft zeigte sich allgemein, von wenigen Ausnahmen abgesehen, welche Unternehmungen gesund und damit konkurrenzfähig blieben oder wo bisher ein von keiner wirtschaftlichen Vernunft geleitetes Glück gewaltet hatte. Nicht nur in der Filmwirtschaft soll es vor der Währungsreform „Unternehmer“ gegeben haben, die ihre Finanzgeschäfte aus der Hosen- oder Brieftasche abwickelten und häufig genug nicht wußten, wie „reich“ sie im Augenblick überhaupt waren. Eine gesunde Wirtschaftsentwicklung hat diese Existenzen mehr oder minder kurze Zeit nach Empfang der „Kopfquoten“ unter den Tisch fallen lassen, sofern sie nicht mit Erfolg versuchten, sich an die Verhältnisse eines normalen Lebens anzupassen. Dieser natürliche Ausleseprozeß hat in fast allen Wirtschaftszweigen einerseits zum „Massensterben“, andererseits aber auch zur Gesundung und Stärkung – der lebensfähigen Betriebe geführt.

Zu den wenigen Ausnahmen, die nicht diesem Ausleseprozeß unterworfen worden sind, obwohl sie nicht weniger übersetzt als andere Branchen waren, gehörte in Deutschland die Filmwirtschaft... Vielleicht war es das Phänomen der „Traumfabrik“, die zu der Ansicht verleitete, die Filmwirtschaft müsse nicht unbedingt nach ökonomischen Gesetzen arbeiten, sondern sei nun einmal ein „Naturschutzpark“. Jedenfalls hielt man vor Jahren in Bonn die Filmwirtschaft für bedürftig und würdig, durch ein umfangreiches System von Bundes- und Länderbürgschaften mit stattlichen Millionensummen vor dem freien Wettbewerb geschützt zu werden. Daß man dabei die Bürgschaftssonne weniger über den Produzenten als über den Verleihern leuchten ließ, ist eines der zahlreichen Kuriosa der Nachkriegs-Filmwirtschaft. So wurden öffentliche Mittel, schließlich also von der Allgemeinheit aufgebrachte Steuern, Zwecken zugeführt, die man anderen Branchen mit Recht vorenthielt. Um den Schein der Ordnung zu wahren, wurden ursprünglich die Deutsche Revisions- und Treuhand-AG, später die eigens zu diesem Zweck gegründete Bürgschafts-GmbH in Frankfurt verpflichtet, die Empfänger ihrer Bürgschaftskredite laufend zu kontrollieren.

Es steht hier nicht zur Debatte, ob und wieweit der Zusammenbruch der Allianz-Film GmbH in Frankfurt in unmittelbarem ursächlichem Zusammenhang mit den Schwierigkeiten der übrigen Firmen steht. Es hat sich aber bereits erwiesen, daß mindestens in diesem einen Fall ein Unternehmen durch Bundesbürgschaften am Leben erhalten geblieben ist, das ohne sie schon längst das Zeitliche gesegnet hätte. Und mehr noch: In den Strudel der Gläubiger, die von Tag zu Tag ihre Chancen auf eine nennenswerte Quote mehr dahinschmelzen sehen, sind eine Reihe ernsthafter Banken und sonstiger Geldgeber hineingezogen worden, deren Engagement bei der Allianz-Film nicht zuletzt darauf zurückgeht, daß sie sich auf die bundesamtlich verbrieften Kontrollpflichten der Bürgschaftsgesellschaft verlassen haben. Hätten die Allianz-, Film und andere Unternehmen bei ihren Geldgebern nicht immer wieder auf die stattliche Höhe der Bundesbürgschaften hinweisen können, so wäre ihr Lebenslicht mit Sicherheit schon längst erloschen, ohne daß noch andere Kreise in Mitleidenschaft gezogen worden wären. Gewiß sind nicht alle diese „anderen Kreise“ durch die Zahlungsunfähigkeit der Filmfirmen selbst konkursreif geworden. Aber wer will es ihnen verdenken, daß für sie die jüngste Krise einzelner Unternehmungen zu einer Vertrauenskrise gegenüber der gesamten Filmwirtschaft geworden ist?

Wir sind nun zwar der Meinung, daß der „Naturschutzpark“ der öffentlichen Bürgschaften in der Filmwirtschaftinzwischen mit vollem Recht abgeholzt worden ist, und wir meinen auch ferner, daß es im Endeffekt nur zu begrüßen ist, wenn endlich, auch der frische Wind einer echten Wettbewerbswirtschaft beimFilm spürbar wird. Aber auch jedes gesunde Unternehmen kommt einmal in eine Lage, in der es gut und nützlich und durchaus kein Zeichen einer Todeskrankheit ist, wenn fremdes Kapital zur Überbrückung schwieriger finanzieller Verhältnisse zur Verfügung steht. Wenn gegenwärtig der „Wurm“ kräftig an der Flimmerkiste nagt, so, ist dies durchaus kein Symptom für den ungesunden Zustand eines ganzen Wirtschaftszweiges. Daß aber jetzt möglicherweise auch gesunde Unternehmen von allen Kreditmöglichkeiten abgeschnitten werden, ist die bedauerliche Folge einer ebenso falschen wie unverantwortlich gehandhabten Wirtschaftspolitik. Und es erscheint angesichts der Millionenverluste, die in jüngster Zeit im Zusammenhang mit den Fallissements bekanntgeworden sind, nur allzu verständlich, wenn die durch Bundesbürgschaften getäuschten Gläubiger u. a. auch daran denken, die an ihren Verlusten mittelbar Schuldigen regreßpflichtig zu machen. Es ist zwar sicher in diesem Fall ein langer und dornenreicher Weg bis nach Bonn, aber es wäre zu hoffen, daß die dort Verantwortlichen – die sich augenblicklich an jedem Eingreifen uninteressiert zeigen! – schließlich doch aufgespürt werden.