Seit Jahresbeginn hatte sich die Spekulation auf eine Senkung des Diskontsatzes eingestellt. Sie nahm Verkaufe in der Erwartung vor, am Tage der Diskontsenkung oder später Gewinne mitnehmen zu können. Daraus wurde jedoch nicht sehr viel, denn die übliche Diskont-Hausse blieb diesmal aus. Einmal war der Beschluß des Zentralbankrates wohl keine Überraschung, außerdem lassen sich die Bedrohungen nicht mehr übersehen, die in den vielen neuen Anleihen liegen. Länder und Industrie haben bereits angekündigt, in allernächster Zeit für etwa 300 Mill. DM von der Börse fordern zu wollen. Unter diesen Umständen ist natürlich an eine Zinssenkung für öffentliche Anleihen nicht zu denken. Im Gegenteil, das Beispiel Rheinland-Pfalz beweist, daß sich die Länder nicht scheuen, genau wie die Industrie acht v. H. zu bewilligen. Der Markt wird offenbar sogar so pessimistisch beurteilt, daß man glaubt, der Diskontsenkung nicht einmal durch eine Heraufsetzung des Ausgabekurses auf 99 v. H. Rechnung tragen zu können.

Das Interesse für die 30-Mill.-DM-Rheinland-Pfalz-Anleihe war in Süddeutschlandbefriedigend; in Norddeutschland fanden sich nur wenige Käufer. Dies ist um so begreiflicher, als hier eine 30-Mill.-DM-Anleihe des Landes Schleswig-Holstein bevorsteht, über deren Konditionen in dieser Woche entschieden wird. Sie dürften sich jedoch von denen der Rheinland-Pfalz-Anleihe nicht wesentlich unterscheiden. Mit 200 Mill. DM will Bayern an die Börse kommen. Die Bedingungen sind noch offen. Erfahrungen haben gezeigt, daß Bayern – gezwungen durch seine prekären Finanzverhältnisse – auch bereit ist, einen "marktgerechten" Zins zu zahlen. Das heißt also, daß hier Überraschungen möglich sind. Mit der Möglichkeit, wieder achtprozentige Papiere zu "Bosch-Bedingungen" erwerben zu können, hat sich bei den neuen achtprozentigen Industrieanleihen die Verkaufsneigung verstärkt. Da einige Emissionen über Ausgabekurs liegen, lohnen sich Tauschoperationenoperationen zugunsten der jetzt herauskommenden Papiere. Im übrigen verzeichnete der Rentenmarkt in den ersten Tagen nach Jahresbeginn eine erfreuliche Anlagetätigkeit, die vorwiegend auf das Konto der Kapitalsammelstellen ging. Am Pfandbriefmarkt wirkten sich noch die steuerbegünstigten Anlagemöglichkeiten aus. Niedrig verzinsbare Pfandbriefe waren wegen der bei ihnen zur Zeit relativ guten Rendite gesucht. Der flüssige Geldmarkt begünstigte die steuerfreien Papiere (Bundesanleihen, Reichsbahn-Anleihe, Auslandsbonds usw.). Auslandsbonds erzielten teilweise Kurssteigerungen von zwei und mehr Punkten. So hat beispielsweise die schwedische Tranche der 4 1/2prozentigen Young-Anleihe seit dem 31. Dezember 1956 von 77 8/4 auf jetzt 80 1/2 angezogen.

Der Aktienmarkt stand in der zurückliegenden Woche stark im Zeichenspekulativer Erwägungen, die – soweit sie auf Dividendenerwartungen basierten – wohl auch eine echte Grundlage haben. Da ist zunächst einmal der Fall der IG-Farben-Liquis, die zeitweise bis auf 38 5/8 v. H. kamen; innerhalb weniger Tage stiegen sie also um etwa 8,4 v. H. ihres Kurswertes. Die Käufer entzündeten sich an der Meldung von dem bevorstehenden Abschluß des Wollheim-Vergleichs, der die Ausschüttung der Hüls-Anteile nach Ablauf eines Jahres möglich machen würde. Die Ausgabe der Aktien der Chemische Werke Hüls soll im Verhältnis 100 : 6 gegen den Kupon 2 erfolgen. Da sich die endgültige Entflechtung immer weiter hinauszieht, hat sich bei einigen Interessenten der Wunsch verstärkt, den bewußten Kupon 2 (also den Hüls-Anteil) gesondert handeln zu können. Auf die Initiative dieser Gruppe ist es denn auch zurückzuführen, daß im Rahmen des Telephonverkehrs plötzlich Kurse für den Kupon 2 mit 24 1/2 bis 25 und für die IG-Farben-Liquis ex Hüls (also Ostansprüche und Liquidationserlöse) mit etwa 13 v. H. genannt wurden. Der Handel im Telephonverkehr wurde jedoch nach Einspruch der Börsenvorstände wieder eingestellt, weil diese weder die rechtlichen noch technischen Voraussetzungen für ausreichend hielten. Wahrscheinlich wäre den großen IG-Farben-Nachfolgern die Möglichkeit, den Hüls-Anteil gesondert aufkaufen zu können, nicht unwillkommen gewesen. Da bekannt ist, daß von dieser Seite her ein starkes (begreifliches) Interesse besteht, das Kapital der Chemischen Werke Hüls in Besitz zu bekommen (und zu diesem Zweck auch schon ein ansehnliches Paket an Liquis aufgekauft wurde), liegt hier der Wunsch nahe, den weiteren Erwerb durch Abtrennung der Ostansprüche zu verbilligen Bewertet man den Kupon 2 mit 24 1/2 v. H., dann kommt man für die Hüls-Aktien zu einem Kurs von 410 v. H.

Im Montanbereich war die Bewegung bei Bergbau Neue Hoffnung (136–141) und beim Hüttenwerk Oberhausen (156–157) von Interesse, Beide Gesellschaften gehören zum GHH-Bereich und sollen nach einer Ankündigung der Verwaltung von Oberhausen miteinander verschmolzen werden. Nach Börsenmeinung wird das im Verhältnis 1:1 geschehen. Dann wäre die Marge zwischen beiden Kursen zu hoch. Sonderbewegungen waren auch im Rheinstahl-Bereich zu verzeichnen. Ruhrstahl stiegen um etwa 15 Punkte auf 290 und Rhein. Westf. Eisen kamen auf 178 (175). Hier wird angenommen, daß die Rheinstahl-Verwaltung ihre Positionen verstärkt. Ob Krages bei Ruhrstahl etwa das gleiche Vorhaben ausführt, läßt sich nicht beweisen. Ebenfalls offen bleibt, wer für die neuerliche Kurssteigerung bei Dessauer Gas (266–280) verantwortlich zu machen ist. Auch hier bestehen Kragesinteressen. Bemerkenswert fest lagen übrigens auch AG für Verkehr, die seit Beginn dieses Jahres 11 Punkte gewannen. In Börsenkreisen will man von einem bevorstehenden sehr günstigen Bezugsrecht wissen.

Die Großbanken-Nachfolger werden nach den neuesten Versionen wieder mit einer Dividende von 10 v. H. herauskommen. Die immer erneut ausgesprochenen Erwartungen (sie wurden bislang nicht dementiert) auf eine Kapitalerhöhung in der Dresdner Bank-Gruppe führten hier zu einem Kursgewinn von etwa vier Punkten. Fest lagen weiter Vereinsbank in Hamburg, wo die Dividendenentscheidung jedoch noch nicht gefallen ist, Wahrscheinlich wird sie doch erst Anfang Februar bekanntgegeben werden. ndt.

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Erste Österreichische Investment-Gesellschaft. Die Creditanstalt-Bankverein hat gemeinsam mit den führenden Banken der Bundesländer ("Bank für Oberösterreich und Salzburg", "Bank für Kärnten" und "Bank für Tirol und Vorarlberg") die österreichische Investment-Gesellschaft mbH mit einem Stammkapital von 1 Mill. S gegründet. Die Gesellschaft wird Wertpapiere für Rechnung der Miteigentümer von Investment-Fonds verwalten. In den ersten Fonds wurden Aktien von 20 ausgewählten inländischen und 8 großen ausländischen Unternehmungen aufgenommen. Der Fonds steht im Miteigentum der Inhaber von 120 000 Miteigentumsscheinen, die zu einem Kurs von je 500 S ausgegeben wurden. Das vorgesehene Zertifikatskapital von 60 Mill. S wurde bereits im Laufe einer Woche voll gezeichnet.