Warum ist eigentlich noch keinem Verleger der Gedanke gekommen, eine Anthologie literaturbeflissener Diplomaten herauszugeben? Das wäre ein lohnendes Unternehmen! Sie müßte vom klassischen Altertum bis in unsere Zeit reichen, genauer ausgedrückt etwa von Platon bis Pietro Quaroni, dessen Buch

Pietro Quaroni: "Diplomatengepäck." Verlag – Heinrich Scheffler, Frankfurt a. M., 260 S., 12,80 DM

uns als neuestes Opus des Genres vorliegt. Diplomatengepäck ist nach altem Brauch tabu für die Zollbehörden. Um so neugieriger auf den Inhalt sollte der Leser sein, zumal wenn wir ihm verraten, daß es sich dabei um geistiges Gut handelt, um persönliches Erleben aus den letzten vierzig Jahren Weltgeschichte, die der Verfasser teils im Zentrum, teils am Rande, stets aber aus lohnender Perspektive beobachten konnte. Manche einst hochbedeutenden Personen, die Quaronis Weg kreuzten, sind heute fast vergessen wie der General Pershing, Oberkommandierender der US-Streitkräfte in Europa während des ersten Weltkriegs, oder Wrangel, der letzte General des Zaren von Rußland; manche nicht mehr unter den Lebenden, wie Evita Peron oder Wyschinski, manche noch in voller Aktion. Pietro Quaroni schreibt über sie alle, sehr klug, sehr versiert im Milieu, sehr pointiert, wo es darauf ankommt, das Abenteuerliche einer Begegnung ins Licht zu rücken. Seine Schilderungen sind amüsant, wenn auch auf andere Weise als die seines unlängst verstorbenen Landsmanns und zwiefachen Berufskollegen Daniele Varés, dem er ein Kapitel liebenden Gedenkens widmet. Varés Erfolg als Schriftsteller beruhte auf dem Esprit seines kritischen Bewußtseins, das sich notfalls in die Resignation rettete. Quaroni nimmt sich selbst und das Dasein ernster, seine Ironie ist handfester. Guter Erzähler, der er ist, rekapituliert er lieber Tatsächliches, als daß er, wie Varé, dem Erlebthaben mit leiser Melancholie oder mit feinem Humor nachträumt. Beide haben ihre Qualitäten, über deren Grad der Leser selbst entscheiden mag. Heinz Hell