Aus Anlaß einer Diskont Senkung: Rückschau im Zeitraffentempo auf zwei Jahre Konjunkturpolitik

Von Erwin Topf

Daß Konjunktur und Wetter viel miteinander gemein haben, erweist schon der Alltags-Sprachgebrauch. Wir alle wissen, was gemeint ist, wenn jemand berichtet: "Und ein Wetter hatten wir!" – oder auch: "Damals, in der Konjunktur ...". Das will also sagen: gutes Wetter und günstige Konjunktur – wobei der Selbstverständlichkeit, daß (irgendwelches) Wetter "immer ist", und daß ebenso das Wirtschaftsgeschehen ständig irgendwelchen konjunkturellen Wertungen unterliegt, nicht weiter Erwähnung getan wird: "Wetter" ist bei dieser Art Sprachgebrauch synonym mit "gutem Wetter", wie "Konjunktur" mit "günstiger Konjunktur". Weiterhin ist beiden gemeinsam, daß die Auffassungen darüber, ob man die jeweilige Situation als "günstig", "ungewiß", "unentschieden" oder "schlecht" bezeichnen darf, sehr häufig auseinandergehen – auch: daß ein Gespräch darüber, wie "es" nun eigentlich im vergangenen Herbst, Sommer oder Frühling gewesen sei, gewöhnlich nur dann zur Übereinstimmung führt, wenn einer der Gesprächspartner höflich genug ist, den – wie er genau weiß! – völlig unpräzisen Erinnerungen und durchaus abwegigen Urteilen des andern nicht zu widersprechen ... Das, und noch manches andere, wäre ja wohl über die Analogien zwischen Wetter und Wirtschaftsklima zu sagen, Nun kommt freilich der entscheidende Unterschied zwischen beiden: daß die Konjunktur, anders als das Wetter, langfristig zu prognostizieren und daß sie – bereits durch solche Prognosen, mehr aber noch durch wirtschafts- und speziell kreditpolitische Eingriffe – gestaltbar ist.

Gegen den Strom steuern!

Sind das nicht doch recht gewagte Behauptungen? – so wird der Leser vermutlich fragen. Nun, der Beweis dafür ist, wieder einmal mehr, im Laufe der letzten 30 Monate erbracht worden. Im Herbst 1954 wurde es für den aufmerksamen (und unvoreingenommenen .. .) Beobachter deutlich, daß die gute Beschäftigungskonjunktur zunächst auf einzelnen Gebieten (im Hochbau, speziell im Wohnungsbau) zu Überspannungen und zu "Engpässen" (an Arbeitskräften und an Materialien) geführt hatte, die sich ("fettfleckartig") auf benachbarte Investitionsgüterbereiche auszubreiten und damit die Gesamtentwicklung zu gefährden drohten. Im Dezember 1954 ging, und zwar im Zusammenhang mit dem zeitlichen "Auslaufen" der Vergünstigungen des Investitionshilfegesetzes, der Auftragsbestand in der Kapitalgüterindustrie sprunghaft in die Höhe. Zugleich stiegen, weit über das saisonübliche Maß hinaus, die bei den Kreditinstituten beanspruchten Kredite, wobei die Geschäftsbanken "überfordert" wurden und sich nun ihrerseits in einem ungewöhnlich starken Maße bei der "Bank der Banken" – bei der Währungsbank, dem "Zentralbanksystem" also, das bei uns durch die "Bank deutscher Länder" und die Landeszentralbanken dargestellt wird – refinanzieren mußten. Anders ausgedrückt: die Zentralbank (Notenbank), als die letzte Quelle für Umlaufskredit und Liquidität, mußte mit "Geld" aushelfen, und zwar für Umsätze, die zu einem erheblichen Teil auf der Bestellung und Beschaffung von Investitionsgütern beruhten, bei denen die endgültige Bezahlung also durch "Kapital" (Eigenkapital oder aufgenommenes Fremdkapital) zu erfolgen hat. Dieser Run auf die Zentralbank war bereits ein deutliches Warnungszeichen. Bedenklich wurde die Sache aber erst in den Frühjahrsmonaten 1955, als sich zeigte, daß im Auftragseingang (und entsprechend auch bei den Lieferfristen) der "Kapitalgüterindustrien" nicht etwa eine Entspannung eintrat, wie das ("eigentlich") bei der durch steuerliche Erwägungen bedingten zeitlichen Vorverlegung vieler Aufträge im Dezember 1954 zu erwarten gewesen wäre, sondern daß vielmehr nun zu den Ende des Vorjahres "vorweggenommenen" Aufträgen, entgegen auch der saisonüblichen Tendenz, laufend neue Aufträge hinzukamen, deren Finanzierung die Kreditanspannung der Geschäftsbanken und der Zentralbank noch weiter verschärfte. Damals erfolgten die ersten Warnungen der Zentralbank; sie bezogen sich vornehmlich auf die – nach einer langandauernden Haussebewegung an den Börsen – als "überhöht" anzusprechenden Aktienkurse. Außerdem ging die Bank deutscher Länder dazu über – ohne freilich viel Aufhebens darum zu machen, was als psychologische Bremse vielleicht geboten gewesen wäre! –, den Refinanzierungspielraum der Kreditinstitute beim Zentralbanksystem einzuschränken.

Aber derartige Warnsignale blieben zunächst unbeachtet. Die aus den noch immer reichlich fließenden Kreditquellen gespeiste Übernachfrage griff immer weiter um sich – zumal auch manche allemein als klug anerkannte Leute meinten, es könne und müsse mit der Vollbeschäftigungskonjunktur "immer so weitergehen". Es dürfe "keine Atempause geben", so hieß es, und man brauche "keine Angst vor der Konjunktur zu haben". In einem extremen Falle wurde sogar behauptet: das Instrumentarium, das erforderlich sei, um "die Hochkonjunktur zu halten", liege bereits zur Hand. Die nationalökonomische Wissenschaft teilt freilich, wie Prof. Röpke (im Juli 1956) ausgeführt hat, einen solch "verwegenen Optimismus" nicht; im Gegenteil: sie stellt fest, daß "der Glaube an die ewige Hochkonjunktur" von "irrenden Propheten" gerade dann und immer nur dann verkündet worden sei, wenn der Umschlag vom boom in die Krise dicht bevorstand ... In der Tat sind weder die zeitlich recht kurzfristigen Erfahrungen, die mit einer Wirtschaftspolitik der Vollbeschäftigung bisher gemacht worden sind, noch die dieser Politik zugrunde liegende Theoreme ausreichend, um den Beweis für die Behauptung zu erbringen, daß die "wirtschaftlichen Wechsellagen" – was ja nur ein anderer Name für das Konjunkturgeschehen ist – nun plötzlich ihre Wesensart völlig geändert haben sollen, so daß sie eben nicht mehr "wechseln", sondern stabil zu halten sind. Vielmehr sprechen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse dafür, daß einmal früher, einmal später – auf jede Periode einer kräftigen industriellen Expansion (mit schnell wachsenden Umsätzen zumal im Investitionsbereich) ein Rückschlag folgt. Und nicht etwa deshalb, weil irgendein mystischer "zyklischer Effekt" ausgelöst wird, – sondern ganz einfach aus dem Grunde, weil jede derartige Ausweitung der Produktion auf irgendwelche Grenzen (in der Bereitstellung von Arbeitskräften, in der Kapital- und Materialversorgung) stößt und gleichzeitig auch zu Fehldispositionen und Fehlspekulationen führen muß, die, eines Tages in Gestalt von finanziellen Ausfällen und Geschäftszusammenbrüchen effektiv werdend, die allgemeine optimistische Einschätzung der unternehmerischen Chancen dann sehr schnell in ihr Gegenteil verkehren. Denn die Konjunktur von heute – das sind die Geschäftserwartungen für morgen, und nichts anderes.

Es ist also gerade dann, wenn man "die" (günstige!) Konjunktur möglichst lange zu erhalten wünscht, völlig verkehrt, Optimismus zu predigen und aufkommende Spannungen oder entstehende Engpässe bagatellisieren zu wollen – wie das etwa bei uns, als der Facharbeitermangel allgemein wurde, mit der Ankündigung geschehen ist, daß "Zehntausende italienischer Facharbeiter im Anmarsch seien. Das sicherste Mittel, die Konjunktur zu "halten", ist: sie rechtzeitig vor den Exzessen der Übernachfrage zu bewahren. Das aber ist zunächst (1955) nur teilweise erfolgt, nämlich von der Seite der Notenbank her, die damals (August/September) mit einem Abbremsen der Kreditausweitung durch zwei miteinander gekoppelte Maßnahmen begann: durch Diskonterhöhung (also Kreditverteuerung) und durch Verengung des Kreditspielraumes der Banken derart, daß ihnen das Halten höherer Barreserven ("Mindestreserven") auferlegt wurde. In den ersten Wochen nach der Diskonterhöhung, also im Verlaufe des Monats August, stieg – trotz der Kreditverteuerung! – die Kreditnahme der Geschäftsbanken beim Zentralbanksystem noch einmal steil an, als Folge der zum 1. September angekündigten Mindestreservenerhöhung, für die von den Banken Vorsorge (durch stärkere Inanspruchnahme des Notenbankkredits) zu treffen war. Auch in der Folgezeit ging die Kreditexpansion wieder kräftig weiter: ein Zeichen dafür, daß die erste "kleine" Diskonterhöhung zwar als Warnzeichen "begriffen", aber noch nicht hinreichend wirkungsvoll geworden war. Erst die weitere drastische Kreditverteuerung und -beschränkung durch die im Frühjahr 1956 schnell aufeinanderfolgenden beiden Diskonterhöhungen (um jeweils 1 v. H., auf zuletzt 5,5 v. H.) führte die Beanspruchung der Notenbank dann Verhältnismäßig schnell auf einen als normal anzusehenden Stand zurück. Immerhin hat die (erste) Diskontheraufsetzung vom August 1955 die Folge gehabt, daß die "Übernachfrage" am Aktienmarkt, bei der die Kurse weit über das vertretbare Maß hinaus in die Höhe getrieben worden waren, ihr Ende fand. Für die Effektenbörse hat die Konjunkturwende also schon im Herbst 1955 begonnen ...