Keine Karten mehr an der Abendkasse, zu spät heranhastende Kritiker auf Hockerchen im Rang, das intellektuellste Publikum, das heute in beiden Germanien zusammengenommen denkbar, Verehrer Benns, Verehrer Hindemiths, Leute zwischen zwanzig und dreißig überwiegend. Das paßte in den perfekt modernen Konzertsaal der Hochschule für Musik in der Hardenbergstraße, Berlins schönster Raum derzeit.

Polyphone Klänge, die ein Wagner-Verdi-Ohr nicht annimmt. Zarte Lyrik transparent gesetzter Solostimmen als Leitfiguren im befremdlichen Gewebe antiklassischer Harmonik. Mühevoll und ohne rechte Lust für den schlichteren Sinn des Nichtexperten.

Ovationen für den Exberliner Hindemith aus überfülltem Haus und freundlichem Herzen – auch seitens der eher Verblüfften. Welch köstliche Erscheinung aber auch: ein Magister, altfränkisch und in beinah spitzwegischem Sinne deutsch, trotz des american citicen via Emigration vor Hitler.

Schwarze hohe Schnürstiefelchen trägt er und eine runde Metallbrille. Der Frack ist korrekt, und er füllt ihn prall. Kahlhäuptig und bleich das große volle Gesicht, sehr kluge, kleine, verschmitzte Augen huschen über die 200 Sänger, sechzig Berliner Philharmoniker, über Rang und Parkett.

Dort, in der sechsten Reihe, schwarz, die junge Witwe Gottfried Benns. Zehn Jahre älter war der Dichter des "Unaufhörlichen" als der Komponist. 1931 arbeiten sie zusammen das Oratorium. Nun ist der ältere mit siebzig gestorben voriges Jahr, und Hindemith lebt auf der Höhe des Ruhms in der Schweiz. Dirigiert so werkgerecht nüchtern wie Strawinskij. Aber gewaltige Schwellungen ergeben sich aus der Partitur, die wie ein mittelalterlicher Klosterbibliotheksfoliant vor ihm auf dem abstrakt dürren Pult lastet.

Das ist ja alles Tief sinn,

Feldkult, Mythe –