Das antidemokratische Denken in der Weimarer Republik

Von Kurt Sontheimer

Die Januarnummer der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte enthält eine Untersuchung von Dr. Kurt Sontheimer über die antidemokratischen Strömungen in der deutschen Philosophie und Literatur zur Zeit der Weimarer Republik. Dem Verfasser geht es dabei nicht um eine Suche nach "Vorläufern" des Nationalsozialismus (die Mehrzahl dieser geistigen Widersacher der Weimarer Republik wollte etwas ganz anderes, als was Hitler daraus machte), sondern um Aufhellung eines wichtigen Abschnitts der deutschen Geistesgeschichte. Nicht Anklage oder Schuldspruch, wohl aber mahnender Hinweis auf die politische Verantwortung aller geistig Schaffenden – ist ganz allein das Anliegen des Verfassers. Der Titel des Aufsatzes, dem wir mit freundlicher Erlaubnis des Herausgebens einige Stellen entnehmen, lautet: "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik."

Das Parlament hatte im 19. Jahrhundert im wesentlichen die politisch homogene Klasse des Besitzbürgertums repräsentiert, während der kleinere Mittelstand und vor allem die Arbeiterklasse praktisch außerhalb des politischen Raumes standen. Für diese Zeit mochte das Parlament manchen Kritikern von Weimar noch eher sinnvoll erscheinen; sie mußten es jedoch um so stärker angreifen, als es zu einer Institution wurde, die allen Gruppeninteressen des Volkes Rechnung trug und dadurch den bisher vom Staat im wesentlichen ausgeschlossenen Gruppen die Möglichkeit der Beteiligung an der Gestaltung des staatlichen Lebens gab.

Durch die politische Umschichtung konnte das Parlament in der Tat zu einer für alle dem alten Staat und seiner Tradition verbundenen Menschen zum Ärgernis werden, unabhängig davon, wie gut oder schlecht es funktionierte. Die Kritik am Parlament und den Parteien wurde dabei genährt durch das wenig erhebende Bild, das sie der Öffentlichkeit boten. Die Politiker fanden jedoch in den außerordentlichen Schwierigkeiten der politischen Lage Deutschlands kaum das nach dem ersten Weltkrieg so notwendige Verständnis von Seiten vieler Vertreter auch der gebildeten Schichten. Im Gegenteil! Anstatt den Maßstab ihrer Kritik aus den realen Bedingungen der deutschen Lage zu gewinnen, häuften diese ihre Anklagen auf die demokratischen Institutionen und ihre Amtsträger, als seien diese allein verantwortlich für alle politischen Schwierigkeiten im Innern und nach außen.

Verhältnis: Freund-Feind

Es ist keineswegs zufällig, daß diese Zeit durch Carl Schmitt das Politische als das Verhältnis von Freund und Feind definiert. Denn die Natur dieser antidemokratischen Schriften ist absolut auf die Überwindung der parlamentarischen Demokratie gerichtet. Die Vertreter dieser Demokratie werden als Feinde ausgemacht und wie Feinde bekämpft. Die innerhalb der Demokratie durchaus berechtigte Kritik an deren Institutionen wird mißbraucht, weil es nicht um Reform der Institutionen, sondern um deren Abschaffung geht, um ihre Ersetzung durch eine Form des autoritären Staats, der in der Lage ist, Machtpolitik zu treiben, der die Außenpolitik entsprechend althergebrachten deutschen Vorstellungen der Innenpolitik rangmäßig voranstellt, der die angeblich ziellose Freiheit des Bürgers im demokratischen Staat verwandelt in die freiheitliche Bindung an die Gemeinschaft, der die Anonymität der demokratischen Herrschaft auflöst zugunsten der persönlichen Verantwortung eines Führers, der die seelenlose Mechanik eines staatlichen Formalismus umgießt in das lebendige Gebilde eines organischen Staatswesens, in dem Männlichkeit, Entschlossenheit, Wachstum, Herrschaft, Autorität und Heroismus zu neuer Entfaltung kommen.