RH, Hamburg

Zwei große Karnevalsfeste hat Hamburg jährlich: das Künstlerfest und das Fest der Staatlichen Hochschule für bildende Künste. Während das sogenannte Künstlerfest jedes Jahr einen anderen Namen hat – diesmal heißt es "Barock’n roll" – ist das Fest der Hochschule den Hamburgern unter dem Namen "Li-la-Lerchenfeld" seit Jahren bekannt. Die Straße, an der die Schule liegt, heißt Lerchenfeld.

Dort findet am 8., 9., 11. und 12. Februar zum zehnten Male das Fest statt, mit dem der bürgerliche Hamburger, dem die munteren Plakate auffallen, automatisch die Vorstellung verbindet, daß sich da "unser lockeres junges Künstlervölkchen" bei Sekt, Jazz und bunten Bildern ausgelassen amüsiert. Es wird die meisten Hamburger überraschen, zu hören, daß den Kunstschülern vom Lerchenfeld mehr daran liegt, daß er, der Gast, sich am Li-la-Lerchenfeld gründlich vergnüge. Denn: weniger dem Vergnügen der Studierenden als der Unterstützung der Bedürftigen unter ihnen dient das bunte Fest. Und wenn sich der Veranstalter, der Freundeskreis der Staatlichen Hochschule für bildende Künste e. V., diesmal gegen den Ausfall des Festes aus Gründen der höheren Gewalt mit 20 000 Mark bei Lloyds versichert hat, so hatte er dabei nicht das den Kunstschülern im Schadensfalle entgehende Vergnügen im Sinn. Eine leere li-la-Lerchenfeld-Kasse wäre für die Hochschule ein Unglück.

Was hat man am Lerchenfeld mit den Einnahmen der bisherigen zehn Feste gemacht? Ungefähr 270 Studierende sind durch Studiengelderlaß oder monatlich ausgezahlte Stipendien unterstützt worden; etwa 75 Studienreisen wurden finanziert. Besonders stolz ist man am Lerchenfeld darauf, daß die Hochschule vor einigen Wochen ein lange erstrebtes Ziel erreichen konnte: ein Studienheim auf dem Lande wurde erworben, ein ehemaliges großes Privathaus in Ritzerau bei Mölln, das zwanzig bis dreißig Studenten aufnehmen kann. Klassen, zum Beispiel, die nach der Natur malen sollen, werden künftig nicht mehr kostspielige Unterkünfte brauchen.

Was noch an Geld gebraucht wird, um das Haus herzurichten, hofft man nur durch "Li-la-Lerchenfeld" einzunehmen; denn augenblicklich ist die Kasse leer. Um sie wieder zu füllen, ist viel Arbeit nötig.

Im Keller stehen – klein wie Puppenstuben – Modelle von Halle, Sälen und Fluren im Schmucke der Dekorationen, die beim Fest das große Haus phantastisch zieren sollen. In einem mit Hilfe von Wellpappe provisorisch hergerichteten Tonstudio mischt ein Student auf Tonbändern die akustischen Dekorationen. Man bastelt Telephonleitungen, die die zwölf Bars mit dem Warenlager verbinden werden, und will aus fünf Tanzkapellen drei auswählen.

Alles das ist eine strenge Mischung aus Arbeit und Vergnügen. Möglicherweise wird für Dozenten und Studenten das Vergnügen im Zusammenhang mit dem Fest zum ersten Male als "Lust" auftauchen – nämlich in der Lust-barkeitssteuer. Der Zweck heiligt in diesem Falle durchaus nicht die Mittel – jedenfalls nicht derart, daß die eingenommenen Geldmittel dem Finanzamt tabu wären. Lustbarkeitssteuer muß bezahlt werden und Umsatzsteuer dazu. Die Buchführung zeigt, daß in den vergangenen Jahren die Steuern nach den Stipendien der zweithöchste Ausgabeposten waren. Das werden sie wieder sein – und möglicherweise noch höher als bisher – weil noch nicht geklärt werden konnte, ob der ermäßigte Satz, der dem Li-la-Lerchenfeld bisher für die Lustbarkeitssteuer zugebilligt wurde, wieder angewendet wird.

Die Anforderungen hingegen die an die wohltätige Kasse gestellt werden, dürften sich durchaus nicht verringern. Im Gegenteil. Zum Beispiel hat die Hochschule vier ungarische Kunststudenten aufgenommen, die im Flüchtlingslager Finkenwerder ankamen. Möglicherweise werden sie zu einem besonderen Anziehungspunkt des Festes, indem sie eine ungarische Spezialität zum Genüsse anbieten. Das könnte die Lustbarkeit vielleicht erhöhen, der, auch im Interesse dieser Studenten, hoffentlich vom Staate nicht zu sehr gesteuert wird.