Von F. O. Miksche

Bisher glaubte der Westen, eine teilweise, das heißt auf die Atomwaffen beschränkte Abrüstung unter allen Umständen ablehnen zu müssen, weil sie das Rüstungsgleichgewicht noch mehr zugunsten der Sowjets verschieben würde. Dieser Einwand hat auch heute noch Gewicht, aber ihm gegenüber gewinnt langsam die Überlegung an Boden, ob die Drohung mit atomarer Vergeltung noch einen Sinn hat, wenn die Furcht vor der sowjetischen Gegenvergeltung so groß wird, daß der Westen im Falle eines nur mit konventionellen Waffen geführten sowjetischen Angriffs trotz aller vorherigen Versicherungen mit dem Einsatz der gefürchtetsten aller Waffen, der Wasserstoffbombe, zögert. Zweifel an der Zweckmäßigkeit des Wettlaufs zwischen Abschreckung und Gegenabschreckung haben auch nachfolgenden Aufsatz unseres militärischen Mitarbeiters F. O. Miksche (Paris) inspiriert.

Wie die Dinge heute stehen, gründet sich das Wehrsystem der NATO-Mächte auf Bomben, die zu groß sind, und auf herkömmliche Heere, die zu klein sind; während der Osten über beides verfügt, sowohl über die großen Heere als auch über die großen Bomben. Dieses Mißverhältnis im Aufbau der NATO-Streitkräfte ist der Hauptgrund, warum die Verhandlungen über Abrüstung nur wenig Aussicht auf Erfolg haben. Der Westen kann wegen seiner Schwäche an herkömmlichen Streitkräften nicht auf den Gebrauch der Atomwaffen verzichten. Ebenso unmöglich wäre es aber, wollte man sich auf eine Reduzierung der herkömmlichen Streikräfte einigen. Denn wie bekannt, ist die gegenwärtige Zahl der NATO-Divisionen bei weitem nicht ausreichend, um Westeuropa wirksam zu verteidigen. Was soll da noch gekürzt werden?

Angenommen, daß es beide Seiten ehrlich meinen – was ja die Voraussetzung eines jeden Abkommens ist –, so wären die Aussichten auf eine Einigung unvergleichlich besser, wenn die Wehrsysteme ihrer Struktur nach ähnlich wären. Denn nur dann wäre es möglich, Kürzungen auf beiden Gebieten (auf dem Gebiete der herkömmlichen und der Atomwaffen) proportionell vorzunehmen.

Präsident Eisenhowers Plan einer gegenseitigen Luftüberwachung ist hauptsächlich aus dem psychologischen Motiv der Furcht Amerikas vor einem neuen, diesmal atomaren Pearl Habour zu verstehen. Den praktischen Nutzen einer Luftüberwachung beiderseits des Eisernen Vorhangs kann man sich schwer vorstellen. Die Überwachung würde sich nämlich weder auf die spanischen und nordafrikanischen Luftstützpunkte der NATO erstrecken noch auf solche innerhalb sowjetischer Basen, von denen aus sowohl die neuralgischen Zentren Westeuropas als auch Amerikas erreichbar sind. Wenn dies als erster Schritt gedacht ist, so hätte dieser dann einen Sinn, wenn weitere Schritte zur Milderung der politischen Spannung folgen würden. Aber wie dem auch sei: Vergangene Erfahrungen beweisen, wie schwer, ja praktisch unmöglich es ist, militärische Vorbereitungen anderer Staaten zu kontrollieren.

Kriege brechen meist nach einer längeren Periode wachsender diplomatischer Spannung aus. Daher ist anzunehmen, daß man schon Monate, bevor die erste Bombe fällt, die Überwachungsflüge verbieten wird, und daß dadurch die Spannung und das Mißtrauen naturgemäß in gefährlichem Maße steigen.

Ein plötzlicher Atomschlag bedarf keiner langen Vorbereitungen. Er kann gleichzeitig von mehreren, weit auseinanderliegenden Punkten ausgeführt werden. Im sowjetischen Machtbereich, der sich heute von der Elbe und Donau bis zum Stillen Ozean erstreckt, nach zehn Wasserstoffbomben fahnden zu wollen, wäre eine Suche nach zehn Stecknadeln in einem Heuhaufen. Aber selbst angenommen, daß die Luftkontrolleure eines Tages verdächtige Vorbereitungen melden – welche westliche Regierung würde in so einem Falle die Verantwortung auf sich nehmen, einen Präventivkrieg, zu beginnen? Was aber, wenn sie es nicht tut?