Kein Artikel ohne seinen Prospekt" heißt es heute bei den Geschäftsleuten, und sie wissen warum. Mit einem hübsch aufgemachten Werbeblatt kann man jeden reizen, jedes zu kaufen. Bei dem harten Konkurrenzkampf in unserer Zeit ist das nötiger denn je, und auch der Buchhandel kann auf solche Werbung nicht verzichten. Buchprospekte werden von Kritikern geschrieben, von Buchhändlern, von Prokuristen, von Lehrlingen, ja auch von Kindern. Sie nehmen stets Partei für einen Partner, für den Buchhändler natürlich. Das ist allgemein bekannt, es ist Sitte so, und dagegen läßt sich nichts einwenden. Weil wir großes Verständnis dafür haben, daß der Buchhandel verdienen muß wie jedes andere Unternehmen auch, sagen wir erst jetzt etwas gegen gewisse Methoden, die sich in diese an sich durchaus legitime Methoden buchhändlerischer Reklame eingeschlichen haben, jetzt nach den Festtagen, nachdem der Run auf alles, was Literatur heißt, verebbt ist.

Da wir es bei den Buchhändlern mit einer Berufsgruppe zu tun haben, die sich auf Grund ihrer geistigen Kompetenz nicht gern mit anderen Ständen vergleichen läßt, schämt sie sich, deren Werbeverfahren zu übernehmen. Gewiß, man kann für Marcel Proust nicht im selben Stil Reklame machen wie für Salami, aber man muß ebenfalls trommeln, wenn auch etwas leiser, statt auf einer Kesselpauke auf einer kleinen Trommel. Hierbei hört manch einer leider nun manch falsche Töne. Es ist – um der Sache einen Namen zu geben – die kritische Reklame, ein Unding und, was den Käufer angeht, glatte Irreführung. "Die sorgfältige Auswahl aus den Neuerscheinungen soll eine Wertung sein", heißt es im Vorspruch zu einem Prospekt, und genau das ist es, was man ablehnen muß: kritisch kaschierte Werbung, Geschäftemacherei unter dem Deckmantel literarischer Urteilsfindung.

Wie die Bücher "charakterisiert, kritisiert" werden "von Rezensenten, deren Urteil Sie trauen dürfen", dafür ein paar Beispiele. Unter den zwölf Prospekten, die uns vorliegen, lesen wir zweimal den Satz: "Es wird wohl nie wieder ein Buch geschrieben, das die Dramatik der ‚Ulysses‘ erreicht. (Aus einer Zeitungskritik)". Das ist sehr plump, das ist im Tonfall schon fast Salami-Reklame. Aber hier will man in der Diktion ernsthafter Kritik den Leser den Kauf suggerieren. Ebenso sind Sätze gedacht wie: "Holthusen, unbestritten der erste Literaturkritiker der jüngeren Generation ..." oder: "Es mag dahingestellt bleiben, ob – wie viele begeisterte Leser vermuten – die Gestalt der ‚Angélique‘ so berühmt werden wird wie Scarlett O’Hara, die Heldin in ‚Vom Winde verweht‘. Sicher werden aber ..." und schließlich etwas diffiziler und um so schlimmer: "Von modernen Eindeutschungen der (Göttlichen) ,Komödie‘, die solchen Ansprüchen gerecht werden, eignet derjenigen August Vezins’ die wirksamste Sprechbarkeit bei der Rezitation der Verse."

Die Verfasser dergleichen Pseudoreklame rekrutieren sich aus allen Altersklassen und Rängen. In Prospekten, die sich mit einem ganz vornehmen Air umgeben wollen, lesen wir bekannte Kritiker und Schriftsteller unter den Mitarbeitern. Da fragt man sich nun, können diese Literaten, die so frohlockend Superlative stapeln, dafür gerade stehn, daß von den 14 000 Neuerscheinungen des vergangenen Jahres ein halbes Tausend die höchsten Prädikate verdienen, jene Literaten, von denen wir doch gewohnt sind, daß sie nicht aufhören, nach dem großen deutschen Roman der Gegenwart zu jammern und das Fehlen jeglicher volkstümlicher moderner Poesie zu beklagen? Und weiter fragen wir: Hat ein elfjähriges Mädchen schon so viel Courage, ein Kinderbuch abzulehnen, das ihm nicht gefällt, wenn es ihm von der "Tante Buchhändlerin" zur "Besprechung" angeboten wurde?

Das Urteil wurde also in den meisten Fällen für die Zwecke des Buchhändlers scheinbar unauffällig zurechtgebogen – ein Rezensionsexemplar und vielleicht auch ein Honorar winkten ja.

Wie soll aber denn ein rechter Prospekt beschaffen sein, wird man fragen. Nun ganz einfach: Er soll die Wahrheit sagen, und das heißt, er soll Inhaltsbeschreibungen bringen und vielleicht noch ein wenig Bibliographie. Zum Beispiel ("Die Gefangene" von Proust): "Der 5. Teil des großen Romanwerks ‚Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘. Der Erzähler lebt nun mit Alertine zusammen ein Leben des Glücks und der Innigkeit. Doch die Sicherheit des Besitzgefühls schlägt in liebende Eifersucht um, in Verdächtigungen, in Leiden. Die Polarität des Lebens von Liebe und Leiden, von Hoffen und Hassen und das Streben nach menschlichem Glück bildet das Thema dieses Meisterwerks." Das ist etwas farblos, schenkt dem Leser aber reinen Wein ein, versucht ihn nicht mit allerlei gelehrten Mätzchen zu überrumpeln und ist außerdem in lesbarem Deutsch geschrieben.

Buchwerbeschriften sind immer dann gut (unter den zwölf geprüften war das bei zwei, drei der Fall), wenn ihre Verfasser es durchaus nicht unter ihrer und des Buches Würde finden, Reklame zu machen, wie es die anderen Geschäftsleute tun. Überdies wird kein Metzger seine Wurst mit den Worten anpreisen "Die gesündeste Salami der Welt", denn das ist unlauterer Wettbewerb und – durchs Gesetz verboten. Günther Specovius