IG Metall und zweimal Streik

Wie aus dem Streik herauszukommen sei, den die Industriegewerkschaft Metall in Schleswig-Holstein mit eiserner Energie aufrechterhält, das ist jetzt die Sorge des als Schlichter und Vermittler angerufenen Bundeskanzlers. "Die einfachste Lösung", so rät die "Welt", "wäre: man verabschiedete schnell ein den Kernpunkt des Streites – die Lohnfortzahlung bei Krankheit – ordnendes Gesetz." Sehr gut. Aber was, wenn die Opposition, die sich mit der Gewerkschaft Metall solidarisch erklärte, Anstoß daran nimmt, daß gerade Adenauer als Schlichter des Streiks erfolgreich sein könnte? Die "Welt" meint, das wäre für die SPD eine zweifelhafte Freude, und fügt hinzu: "Wie seltsam doch manchmal die Dinge enden."

Freilich, der Streik, der mehr und mehr von einer wirtschaftlichen zu einer politischen Sache wurde, wird einmal enden. Nicht so bald enden wird aber das Bestreben der Gewerkschaften, einen politischen Kampf zu führen, und man darf annehmen, daß die IG Metall dabei den Stoßtrupp bildet: An demselben Tage, an dem die Zeitungen in großen Lettern meldeten, daß fortan in Ungarn Anstiftung zum Streik mit dem Tode bestraft wird, desgleichen nicht nur Raub und Raubmord, sondern auch "Störung des Verkehrs" und "alle Arten von staatsfeindlichen Delikten wie die Verbreitung von Flugblättern", am selben Tage war sozusagen unter "Vermischtem" zu lesen, wofür auf einer Münchener Tagung der bayrischen DGB-Deligierten ausgerechnet der Sprecher der IG Metall donnernden Beifall erhielt: Er sprach von Ungarn und verurteilte – nicht etwa Kadar, der den Streik für ein todeswürdiges Verbrechen hält, sondern den Sender "Freies Europa". Dieser Sender, von dem sich gezeigt hat, daß er trotz allem eine wesentliche Brücke zu den östlichen Satellitenländern darstellt, die doch auch zu Europa gehören, dieser von privaten amerikanischen Mitteln unterhaltene Sender müsse, so sagte er, geschlossen werden. Und seine Forderung ließ er in dem Satz gipfeln: "Wir wollen nicht Flugzeugträger sein für fremdstaatliche Interessen."

Selten hat man solch einen Fall gesehen: Der IG-Metall-Mann vertritt hier einen Streik, der dort als Todesverbrechen gilt, und sagt den Amerikanern, als spräche er im Namen Kadars: Don’t disturb – nicht stören! Fürwahr: Selten hat man ein Kalb gesehen, das lauthals blökte, grundsätzlich solle kein Geschöpf, das den Schnitt bisher am eigenen Hals noch nicht spürt, den Metzgern sagen, daß sie Metzger sind.

Es scheint, daß man von den Funktionären der IG Metall noch einiges erwarten darf...

Jan Molitor