Von E. R Singer

New York, im Januar

Die Geld- und Kapitalknappheit macht sich in den Staaten jetzt schon nachhaltig genug bemerkbar. Sie kommt im Zinssatz der 91tägigen Bundesschatzwechsel zum Ausdruck, der gerade in diesen Tagen mit 3,268 v. H. eine neue Rekordhöhe erreicht hat (gegenüber 2,237 v. H. im Juli und 2,818 v. H. im August v. J.). Sie zeigt sich aber ebenso in den niedrigen Kursen der langfristigen Regierungsanleihen. Die Märkte der sogenannten Municipal Bonds, worunter man hier die Anleihen der Staaten, der Städte und der Gemeinden versteht, sind so wenig aufnahmefähig, daß schon während des dritten Quartals des vergangenen Jahres Emissionen im Betrage von 350 Mill. $ zurückgestellt werden mußten. Ihre Erlöse sollten für die Errichtung von Krankenhäusern, Schulgebäuden, Autobahnen, Brücken und für andere Aufgaben von gleicher Bedeutung Verwendung finden. Dabei verzinsen sich Municipal Bonds mit 3 1/2 v. H. und mit 3 3/4 v. H., und das Zinseinkommen daraus unterliegt weder der Bundeseinkommensteuer noch – in einer Reihe von Fällen – der Einkommensteuer der Staaten.

Trotz der Geldknappheit und der unzulänglichen Aufnahmefähigkeit wichtiger Kapitalmärkte hat das Wirtschaftsvolumen weiter zugenommen. Wie der Federal Reserve Board in Washington berichtet, war die industrielle Gesamterzeugung im November größer als je zuvor, und auch die Einzelhandelsumsätze haben eine neue Höhe erreicht. Der Index der industriellen Produktion, der die Veränderungen in den Erzeugungs- und Förderungsmengen erfaßt, ist im September v. J. auf 145 v. H., im Oktober auf 146 v. H. und im November auf 147 v. H. des Durchschnitts der Jahre 1947 bis 1949 gestiegen. Damit lag er um 3 v. H. über dem Stande vom November 1955, während das Brutto-Sozialprodukt, in Dollar berechnet, das von 1955 um 5 7. H. übertrifft. Von diesen 5 v. H. ist allerdings ein Teil auf die in der Zwischenzeit erfolgten Preiserhöhungen zurückzuführen.

Die Zunahme der industriellen Gesamterzeugung war vor allem auf die stärkere Produktion in der Autoindustrie und weiterhin in der Flugzeugindustrie, dem Schiffbau, dem Baugewerbe und der Maschinenindustrie zurückzuführen. Die Stahlindustrie hatte im November zu 100 v. H. ihrer normalen Produktionskapazität gearbeitet, und im Dezember ist noch mehr produziert worden.

Wie sich aus diesen Daten bereits ergibt, werden, die einzelnen Gruppen von Kreditnehmern durch die Zins- und Kreditpolitik des Federal Reserve Board in verschiedener Weise beeinflußt. Die Kritiker greifen daher besonders die hohen Zinssätze, an, die für Industriefirmen sehr viel leichter tragbar seien als etwa für die Städte und andere Körperschaften des öffentlichen Rechts. Zur Begründung dieser Auffassung wird darauf hingewiesen, daß die Industriegesellschaften die Debetzinsen von ihrem steuerpflichtigen Einkommen abzusetzen vermögen; infolgedessen bedeutet für sie, solange sie gut verdienen, ein vierprozentiger Zinssatz nur eine Effektivbelastung von weniger als 2 v.H., während die Städte die Verzinsung der von ihnen ausgegebenen Municipal Bonds selbst zu tragen haben. Im Hinblick hierauf werden immer wieder Vorschläge verschiedener Art gemacht, die alle auf eine Verbreiterung der Märkte für Municipal Bonds hinzielen, damit endlich die Mittel bereitgestellt werden können, die für die Durchführung der so dringend notwendigen Schulbauten und für den Bau neuer Autobahnen gebraucht werden. Die vorhandenen Schulen sind vielfach überfüllt, und manche Autostraßen reichen für den stark angewachsenen Verkehr längst nicht mehr aus.

Alle diese Vorschläge sind erst letzthin wieder vor einer Kongreßkommission zur Sprache gekommen. Auch Mr. Martin, der Vorsitzende des Federal Reserve Board, ist vor dieser Kommission erschienen. Die Kritik an den hohen Zinssätzen beantwortete er mit dem Hinweis darauf, daß Schritte zur Verbilligung der Kredite im Augenblick nur inflatorisch wirken und noch weitergehende Preissteigerungen zur Folge haben würden, als sie bisher schon eingetreten sind. Die derzeitige Kreditknappheit ist nach seiner Ansicht das Ergebnis der zu weit gegangenen Nachfrage, womit er ganz offensichtlich zum Ausdruck bringen wollte, daß die Kreditnachfrage im Verhältnis zur Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte und Güter exzessiv bezeichnet werden muß.