-nn, Bad Mergentheim

Langer wollte er sich das auf gar keinen Fall mit ansehen, der Landrat Dr. Cantner von Bad Mergentheim. Er war nämlich der (wie manch einer wohl finden wird: recht altmodischen) Ansicht, daß die eigentliche und wichtige Arbeit seiner Beamten am Schreibtisch zu erledigen sei und daß es daher nicht gut ist, wenn die-Herren durch allzu viele Einweihungen, Empfänge, Eröffnungen und sonstige Repräsentationsveranstaltungen von dieser Arbeit abgehalten werden. So legte er dieser Tage den Bürgermeistern seines Kreises in einem höflichen, doch gleichwohl unmißverständlichen Rundschreiben nahe, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermeiden, als ob für derartige Veranstaltungen mehr Zeit und Kraft aufgebracht werde als unbedingt notwendig. Außerdem ordnete er an, daß künftig alle Einladungen, die mehr als einen Bediensteten des Landratsamtes betreffen, ihm persönlich vorgelegt werden müßten. Es war – wohlgemerkt – kein Bonner Behördenchef, sondern ein entschlossener Provinzbeamter, der in seinem begrenzten Wirkungsbereich solcherart einer Erscheinung zu Leibe rückte, die sich in immer stärkerem Maße zur bundesdeutschen Gesellschaftsplage auswächst: dem Repräsentationsrummel. Da wird "repräsentiert" – ohne jede Notwendigkeit; da wird eingeladen – ohne jedes Maß und ohne alles Gefühl dafür, welche Zumutung häufig in solchen Aufforderungen steckt; und da wird ein Empfang ausgedehnt – ohne einen Funken von Rücksicht auf den Gast, der sich schon lange verabschieden wollte, aber, noch keinen rechten Abgang fand. Ganz schlimm ist das alles erst geworden, seit in den letzten Jahren das angelsächsische Party-System eine unselige Bindung mit der deutschen Gründlichkeit und Ausdauer eingegangen ist.

Dem drohenden Unheil zu steuern, gibt es vielleicht zwei Wege: erstens könnte man hoffen, daß sich dem Mergentheimer Landrat viele nicht minder beherzte Nachahmer anschlössen, und zweitens wäre er gut, wenn nach der angelsächsischen Party nun auch die dazugehörige angelsächsische Gebrauchsanweisung bei uns Eingang fände, die da lautet: eine Party währet eine Stunde, und wenn sie köstlich ist, nur eine halbe!