Inzwischen ist vielfach schon wieder in Vergessenheit geraten, wie bedrohlich stark im Frühjahr 1956, also zur Zeit der beiden entscheidend wirksamen Diskontheraufsetzungen, die Symptome der Übernachfrage überall in der gewerblichen Wirtschaft waren. Das zeigte sich vor allem am Arbeitsmarkt, zumal die angekündigten italienischen Facharbeiter nun eben nicht gekommen waren: der großen Nachfrage stand nur noch ein geringes Angebot von (nahezu durchweg) nicht hinreichend qualifizierten Kräften gegenüber; die Zahl der "offenen Stellen", die von den Arbeitsämtern trotz aller Bemühungen in der Vermittlung nicht mehr "besetzt" werden konnte, erreichte eine Rekordhöhe. Aus dem Bericht einer Handelskammer des Industriereviers für das zweite Quartal 1956 ist zu entnehmen, daß vielfach "Engpässe" bestanden – wozu die beruhigende Versicherung gegeben wurde: deswegen seien aber "Produktion und Absatz noch nirgends nachhaltig(!) ins Stocken geraten". Im einzelnen wird über die angespannte Lage in der Kohlenversorgung geklagt ("zur Bedarfsdeckung wurden Ausweichbrennstoffe – Stollenkohle, Haldensiebkohle, Schlamm und dergleichen – und vor allem auch Auslandskohlen mit herangezogen"), weit über die Lieferfristen ("nicht unter zwölf Monaten") und die "nicht immer einzuhaltenden Liefertermine bei der Versorgung mit Guß (Stahlguß); dann über die Anstrengungen, die beim Heranschaffen von Walzmaterial (Lieferfristen: acht Monate), von Schrott ("Problem der Sortenverschiebungen") und von Werkzeugen zu machen waren. Bei Konsumgütern gab es gelegentlich Engpässe bei der Beschaffung von Konserven, modischen Badeartikeln, Porzellan, Keramik, Kelchglas, Kühlschränken... Ein Sonderkapitel ist der Bauwirtschaft (und dem Installationsmaterial) vorbehalten; hier findet sich der Satz: "Die Frage, ob aus der erneuten Expansion der Bauwirtschaft Gefahr für die Gesamtkonjunktur drohe, ist damit wiederum gestellt."

So also lauten die aus erster Hand stammenden Urteile über die Probleme der Vollkonjunktur aus jener Zeit um die Jahresmitte 1956. Aber schon hatten die kreditpolitischen Bremsen zu greifen begonnen; alsbald nach der Juni-Diskonterhöhung wurde deutlich, daß die Symptome der Übernachfrage sich überall milderten und daß es verhältnismäßig schnell zu einer Normalisierung der Daten kam. Insbesondere auf dem Arbeitsmarkt und in der Kreditanspannung trat dies deutlich hervor; die Geschäftsbanken konnten ihre Engagements endlich wieder abbauen, und damit auch das Volumen ihrer Refinanzierungen bei der Notenbank. Diese zog verhältnismäßig schnell die Konsequenzen aus der gewandelten Situation und setzte – ein Zeichen, wie elastisch und undoktrinär ihre Konjunkturpolitik betrieben wird – bereits Anfang September den Diskont um ein halbes Prozent herunter. Anfang Januar, als erwartungsgemäß die zum Jahresultimo übliche Anspannung am Geldmarkt rasch wieder abgeklungen war, konnte dann unbedenklich eine weitere halbprozentige Diskontsenkung erfolgen.

Die Unterstützung, die der Notenbank in ihrem konjunkturpolitischen Vorgehen von Seiten der Regierung und des Parlaments erwuchs, war zunächst gering und später zeitweilig negativ. Zwar zeigte sich Dr. Adenauer bereits im Frühjahr 1955 wegen des "allgemeinen Preisanstiegs so beunruhigt, daß er ein Einschreiten des Wirtschaftsministers forderte. Die neue Wunderwaffe der psychologischen Einflußnahme auf Preis- und Lohnbewegungen durch "Seelenmassage" war aber damals noch nicht einsatzbereit, und Prof. Erhard vertrat noch den Standpunkt, daß – in der Marktwirtschaft, soweit die Angebot-Nachfragesituation nicht durch Monopole und Kartellabsprachen verfälscht wird – die Presse "so sein müssen, wie sie sind". Auch die (erste) "große Konjunkturdebatte" des Bundestages anläßlich seiner Berliner Sitzung im Herbst 1955 ergab noch keine wirksamen Beschlüsse im Sinne eines Abbaues der Übernachfrage. Als dann im März und Mai des folgenden Jahres die beiden drastischen Diskonterhöhungen vorgenommen wurden, fanden sie nicht nur den (in solchen Momenten zu erwartenden) lebhaften Widerspruch erheblicher Teile der Unternehmerschaft, sondern auch den scharfen Tadel des Bundeskanzlers. Damals wurde von einem "massiven Schlag gegen die Konjunktur" gesprochen, der vor allem die kleineren Betriebe treffen müsse: sie zuerst würden "auf der Strecke bleiben". Die kritischen Stimmen besagten insbesondere, daß die Kreditverknappung eben nicht die Bereiche der "Überhitzung" treffen werde, sondern jene Teile der Wirtschaft die bisher noch nichts oder so gut wie nichts von den Vorteilen der Vollbeschäftigung zu spüren bekommen hätten.

Aber nach verhältnismäßig kurzer Zeit schon glätteten sich die Wogen der Erregung: dank der Einsicht, daß die Folgen der Überexpansion und Überbeschäftigung alle gleichmäßig bedrohten. Rückblickend konnte so beispielsweise die Industrie- und Handelskammer zu Koblenz in ihrem Jahresbericht für 1956 feststellen: "Heute erkennt man, daß die Politik der Bank deutscher Länder (in ihrem Bemühen, die Konjunktur in gesunden Bahnen zu halten) bisher gerechtfertigt war. Eine aktive Konjunkturpolitik der Regierung stand ihr dabei kaum zur Seite; denn sie blieb im Widerstreit der Parteien, Gruppen und Ressorts wenig wirkungsvoll ... Negative Auswirkungen auf einzelne Wirtschaftszweige, z. B. Bauwirtschaft und Baustoffindustrie, gehen weitgehend auf mangelnde Voraussicht oder Koordination der öffentlichen Auftraggeber zurück."

Die konjunkturpolitische Linie der Notenbank ist also durch den Verlauf der Geschehnisse weitgehend als richtig bestätigt worden. Insbesondere ist dabei die Einsicht gewachsen, daß man die Zentralbank auch nicht überfordern darf, indem man von ihr verlangt, daß sie schlechthin alle Preise (und die Löhne!) "stabil erhält". Preisbewegungen – auch im Sinne der Anpassung an gestiegene (oder von hoher Hand heraufgesetzte) Kosten – wird und muß es immer wieder geben, zumal bei einer staatlich inaugurierten Wirtschaftspolitik, die eine Neuverteilung des Volkseinkommens zugunsten bestimmter Gruppen (Mittelstand, Landwirtschaft) anstrebt, und die den gewerkschaftlichen Tendenzen auf drastische Erhöhung der Lohnquote mit interessierter Untätigkeit zuschaut. Auch darf ja nicht vergessen werden, daß die gleiche Wirtschaftspolitik, obwohl sie die marktwirtschaftliche Ordnung als Aushängeschild benutzt, durch eine Unzahl dirigistischer Eingriffe die Grundstoffpreise, den Kapitalzins, die Mieten und so weiter "reguliert"; außerdem wirkt die Steuerpolitik derart, daß nicht das Zurückzahlen, sondern das Weiterschleppen von Schulden prämiiert wird – und ebenso die Selbstfinanzierung von Investitionen, auch solcher mit weit unter dem "landesüblichen" (d. h. marktkonformen) Kapitalzins liegenden Rentabilitätschancen. Das alles – nicht zu rechnen die Schwierigkeiten aus der Zahlungsbilanzentwicklung, deren Ursachen sich weitgehend einer Einflußnahme durch die Notenbank entziehen – erschwert ihr das konjunkturpolitische Vorgehen. Sie kann also ihre Aufgabe nicht etwa darin sehen, "die" Preise – alle Einzelpreise! – starr zu halten; ihre Funktion ist es vielmehr, die (kreditpolitischen) Voraussetzungen für ein Wirtschaftsklima zu schaffen, in dem die Übernachfrage nicht zur Entfaltung kommt und zur Überexpansion – mit den Gefahren des Rückschlags in die Krise hier, der inflationistischen Dynamik da – führt. Alles übrige, in Sachen Preis- und Lohnpolitik, ist dann Sache der staatlichen Wirtschaftsführung. Aber ohne daß die eben skizzierten kreditpolitischen Voraussetzungen geschaffen sind, wird auch diese keinen Erfolg haben können, wenn sie "stabile Preise" herbeiführen will: alle Versuche, an den Symptomen herumzudoktern, müssen erfolglos bleiben, wenn die Ursachen nicht "gefaßt" werden, aus denen die kostenbedingten Erhöhungen der Preise einzelner Waren (und Dienstleistungen) wie auch die (durch allgemeine Übernachfrage bedingten) generellen Preisauftriebstendenzen jeweils erwachsen.