Von Walter Jens

Theodor Däubler wurde vor 80 Jahren, im Sommer 1876, geboren. Seine Eltern waren Deutsche, aber die Stadt, in der er seine Kindheit verbrachte, Triest, trug die Züge des Südens. Wie seinem Altersgenossen Hofmannsthal war ihm, dem Kind der Donaumonarchie, seit seiner Knabenzeit die Welt des Mittelmeers besonders nah. Venedig, wo sich Griechisches und Orientalisches am sichtbarsten berühren, lag nicht fern, das kaiserliche Wien, vom Osten wie vom Westen gleichermaßen geprägt, strahlte bis zur Adria hin; auch nach Athen und Kreta war es nicht weit: hellenische Schiffe ankerten in Triest am Kai und griechische Matrosen durchstreiften – ein erstes entscheidendes Erlebnis des Kindes – die Gassen der Stadt. Triest – das war für Däubler "das Land, wo alle Wesen traumhaft schauen, an einem blauen Wundermeer". Das Meer und die Sonne waren die ersten Geleiter, und sie blieben es ein Leben lang: während der Lehrjahre in Fiume und Wien, Paris und Neapel, während der Zeit, die Däubler, seit 1898 mit seinem großen Epos "Nordlicht" beschäftigt, in Italien verbrachte; vor allem aber während der jahrelangen Wanderungen durch Griechenland, Kleinasien und Ägypten, den entscheidenden Stationen zwischen 1920 und 1930. Dem Meer, der Erde und der Sonne, den Urelementen früher Kosmogonien, galten auch die letzten Gedanken des alten Mannes, der einsam, berühmt und schon wieder vergessen, 1934 in einem Lungensanatorium des Schwarzwaldes verstarb. – Jetzt, über 20 Jahre nach seinem Tode, liegt eine repräsentative Auswahl vor:

Theodor Däubler: "Dichtungen und Schriften." Herausgegeben von Friedhelm Kemp. Kösel Verlag München; 923 S., 36,– DM.

Däublers Grundgedanke, der in all seinen Werken, am stärksten im "Nordlicht" durchscheint, lautet, zur Formel erhoben, "ich bin der Glaube an die Macht der Sonnen" und "wir sind die Kinder des Lichts". Griechischen Gedanken folgend, identifizierte Däubler das Licht mit der platonischen Idee; das Leuchten der Sonne war ihm gleichsam die Inkarnation jenes Geistes, dem der Mensch, ein Sohn der dunklen Erde, zeitlebens entgegengeht. Er, der Geistgeborene, sehnt sich aus der Verschattung seines irdischen Daseins heraus und erstrebt, um ganz er selbst zu werden, die Wiedervereinigung mit dem Licht. Indem er so handelt, erfüllt er den Auftrag der Erde; denn sie selbst, Gaia, war einmal mit der Sonne vereint und trägt seitdem das Verlangen in sich, wieder mit ihr verbunden zu werden. Zeugnis ihrer solarischen Herkunft, Widerschein im Dunkel, leuchtender Spiegel in der Nacht der Höhle, sind die von ihr ausgesandten Strahlen des Nordlichts. So wie diese Strahlen eine einmal vorhandene, später verlorene, aber immer neu erstrebte Verbindung von Erde und Sonne symbolisieren, findet das menschliche Verlangen nach einer Wiedervereinigung mit dem Geist seinen gleichnishaften Ausdruck im Bildnis Apollons. Er, der geistigste Gott, der Bruder des Helios, gibt die Gewähr, daß die Sehnsucht des Menschen nach einer Rückkehr zur Sonne einmal erfüllt werden wird. "Apoll, der Gott, den die Hellenen am deutbarsten lebten... beschenkte mich mit einer seiner Offenbarungen: das Leben voll von Leid und Lust hat sich entzündet, damit die Sonne in uns von ihren Brüdern, den anderen Sonnen, wissen dürfe.

Neben Hofmannsthal war Däubler der letzte Europäer, für den die Grenzen des Abendlandes für immer im zweiten nachchristlichen Jahrhundert abgestecktVurden: die Welt hieß ihm Europa (Amerika kannte er nicht), und Europa reichte von Troja bis Gibraltar, von den Wüsten am Nil bis zu den Niederungen im Norden, in die römische Legionäre die Helligkeit ihrer Götter getragen hatten. Däubler selbst, ein "Sproß des Südens", war bis ins Physiognomische hinein ein antikischer Mensch: ein ungeschlachter Koloß mit täppischen Bewegungen, Jupiter mit wallendem Bart; Fürst und Bettler zugleich; listig und gütig, zornig und zum Verzeihen geneigt. In Paris schlief er, als echter Clochard, unter den Brücken, in Athen ging er mit zerfetzten Schuhen durch die Straßen – ein armer Mann mit der Stirn eines griechischen Gottes – die Bauern auf dem Feld hielten ihn oft für einen Bischof und küßten ihm die Hand –, ein rastloser Wanderer, besessen und unbarmherzig gegen sich selbst, wenn es galt, um einer Aussicht willen in glühender Sonne einen Berg zu erklimmen; kein Schwärmer und Myste, sondern bei aller Emphase von nüchternenr Besonnenheit ein Kind des Hermes, seines Lieblingsgottes, der sich ja nicht nur auf den Schutz der Wanderer verstand, sondern, als Erfinder von Musik und Schrift, vor allem ein Meister des bedachtsamen Wortes und ein Patron des Geistes war: "Hermes hat die Sprache gebracht. Der Neugierige wollte Unterredungen mit uns. Er verbirgt sich im Hellenen, bringt ihm die Redekunst bei, Festigkeit "beim Handwerk, Findigkeit."

Nicht zufällig pries Däubler – darin Thomas Mann verwandt – gerade Hermes als den Freund und Geleiter des Menschen. Er, der griechische Gott, war ihm der große Vermittler zwischen den Sphären, der ausgleichende Wegfinder und listige Cicerone. Ihm allein ist es zu danken, daß Griechisches und Christliches mühelos ineinander übergehen und Apoll als Vorläufer Christi, Dante wiederum, der Freund Vergils, im Gewand eines Griechen erscheint. Der räumlichen Einheit der Mittelmeerwelt entspricht so die Kontinuität in der Zeit: Paulus geht die Wege Heraklits und Sokrates und in Jerusalem wird lateinisch und griechisch gesprochen. Gedanken wie diese verleihen dem Däublerischen Werk, so barock es sich auch ausnimmt, Geschlossenheit und System. Ohne daß man Risse und Sprünge gewahrte, geht das "Nordlicht"-Epos in das große, niemals vollendete "Griechenlandbuch" über; die italienischen Hymnen ("Hymne an Venedig", "Hymne an Italien") erweitern sich zu den "Attischen Sonetten", die frühen Triestiner Aufzeichnungen zu den Analysen der griechischen Jahre, dem "Heiligen Berg Athos", dem Aufsatz "Sparta" und, vor allem, dem großen kulturgeschichtlichen Essay "Delos".

Als echtes Kind seines Jahrhunderts, dem Anschauung und Bild über Lektüre und Theorem gehen, berief sich Däubler in allem, was er dachte und schrieb, auf Erfahrung und Impression. Nicht das Buch, sondern die Plastik, nicht der Papyrus, sondern die Landschaft, nicht die Museen, sondern die Menschen auf den Straßen eröffneten ihm die Geheimnisse der Mittelmeerwelt. Er wanderte, um zu beobachten, und er beobachtete, um zu erkennen. Physische Anstrengung war ihm das erste, Anschauung das zweite, Maxime und Deutung das dritte. Nicht umsonst machen seine Werke, bei allem Überschwang, den Eindruck des "Erarbeiteten". Dem Hymnischen der Diktion, der Ekstase und dem Schwelgen in sinnlichen Bildern liegt ein Zug von Sachlichkeit zugrunde – und gerade die Verbindung von mühelos-spielerischer Bewältigung riesiger Stoffmengen und einer nahezu wissenschaftlichen Akribie gehört ja zum Wesen des Hermetischen. Däubler hat um diese Synthese gewußt: "Der Archäologie ist es gelungen, uns das unverfälschte Hellas zu schenken: ich werde hierbleiben, bis ich mich fähig fühlen kann, eine neue Auseinandersetzung mit der Antike zu wagen."