Daß Hilpert von den "Abgründen, vor die sich das Individuum innerhalb eines totalitären Systems gestellt sieht", schreibt, wollen wir festhalten. Immerhin also lehnt er das Sowjetsystem ab, dessen Dichter (Bert Brecht) und dessen Schauspieler (Eduard von Winterstein) er ehrt. Es wäre von hier aus leicht, die Polemik derart fortzusetzen, daß man feststellt, wie doch Heinz Hilpert, der – was ihn selbst betrifft – den Künstler und den Menschen niemals trennen will, dennoch "schizophren" handelt...

Wir wissen alle, daß einer ein großer Dichter oder großer Schauspieler und doch zugleich ein politischer Narr sein kann. Von solcher Möglichkeit bei Theaterintendanten wollen wir nicht sprechen, genausowenig, wie wir von dem Schauspieler Winterstein sprechen wollten, was Hilpert irrtümlich für ein eigenes Zitat hielt, worauf ihm denn der Atem stockte...

Was die Moral betrifft, so ist es wahrscheinlich müßig zu fragen, ob Hilpert mit seinem Schillerzitat sagen will, es solle Nachsicht gegenüber seinem Freund Winterstein geübt werden, den er, wie den klassischen Helden, in einer Lage sieht, in der wir nur dann ein Urteil über ihn fällen dürfen, wenn wir dieTiefe seiner Bedrängnisse ausmessen. Immerhin, versuchen wir es...

Winterstein hat in einem sowjetzonalen (Defa-) Film mit aller Kunst, die ihm zur Verfügung steht, einen Göttinger Professor dargestellt, der in der westlichen Demokratie nicht sagen darf, was er will, sehr zum Unterschied von Hilpert und den sowjetischen Gelehrten. Was soll der arme Professor tun? Er wechselt hinüber ins "Land der Freiheit", ins Gebiet, in dem Ulbricht herrscht. – Hat Winterstein in dieser Rolle so gelitten, daß ihm der Göttinger Intendant – die "Tiefe seiner Bedrängnisse" ausmessend – die Ehrenmitgliedschaft des Göttinger Theaters schenken muß? Nun, und wenn das wirklich so wäre – muß gerade der Göttinger Intendant. es sein, der diesen Verkörperer des Göttinger Professors ehrt? Sehr richtig, Takt und Moral sind zweierlei. "Moral", so schreibt der Intendant, "hat man oder hat man nicht. Und Takt", so schreibt er, "ist die sich anpassende Rücksichtnahme auf vorgesehene Umgangsformen." Der Wintersteinschen Rolle des Göttinger Professors eingedenk, hätte ein taktvoller Intendant gesagt: "Nein, eine Theater-Ehrenmitgliedschaft für den Darsteller einer derart verfälschten Göttinger Professorenrolle? Ich fürchte, nein...‘ Takt hat man oder hat man nicht.

Ein mutiger Intendant natürlich verhält sich anders. Der wagt sich (zur Vermeidung der "Schizophrenie") ins Feld der Politik hinaus. Hat er gegen Schlüter gekämpft – einen Mann, der nicht bloß ein politischer Gegner, sondern sein oberster Chef im Theaterleben war –, so kämpft er von da an auch gegen größere Unternehmen, zum Beispiel gegen die Wehrpflicht, Seite an Seite mit dem ganzen Ensemble. Sind ja auch nur Menschen, die droben auf der Bühne! Sind ja gar nicht schizophren! Leben genauso unsern in Kasernen wie wir! Hoch, das Göttinger Theater, dessen Darsteller nicht nur Künstler, sondern auch garantierte "Antimilitaristen" sind!

Aber, Herr Hilpert, wußten Sie nicht, daß die Politik auch für einen, der vom ganzen Ensemble unterstützt wird, ein grobes Geschäft ist? Da fliegen die Funken, Herr Intendant. Da schreibt man Briefe, in denen man Journalisten vorwirft, ihr Deutsch reiche nicht hin, und sie trieben ein "nichtswürdiges Wortspiel" und "journalistische Ranküne". Aber da wir fürchten, Sie. könnten über Ihren politischen Eskapaden Ihre künstlerischen Wirkungsmöglichkeiten verlieren, ist es notwendig zu betonen, daß Kunst das eine ist und Politik das andere.

Kurzum, es ist notwendig, Hilpert – und sei dies gegen ihn selbst – in Schutz zu nehmen. Laßt ihn reden, weil wir Demokraten sind und weil er hoffentlich recht hat, wenn er sagt, daß unser politisches Denken und Handeln doch wohl nicht mit dem durch die Wahl gegebenen Mandat an den Abgeordneten endet. Wir wollen auch gar nicht wissen, welchen Abgeordneten er wählt; das ist seine Sache, uns interessieren die Stücke mehr, die er für seinen Spielplan wählt. Aber eins soll er noch hören: Die Associated Press meldete unter Nachrichtennummer g 149/st 1817/10. Januar 57, es seien nach einer Erklärung Hilperts im Zusammenhang mit der geplanten Ehrung für den Schauspieler Winterstein in der westdeutschen Presse einige "bedrohliche Äußerungen" gefallen, worauf Frau Winterstein ihre Sorge um das persönliche Wohl und die Sicherheit ihres Mannes mitgeteilt habe. Da er, Hilpert, nach Lage der Dinge die Verantwortung dafür nicht mehr tragen könne, habe er die Feier am Deutschen Theater abgesagt...

Einen Augenblick: Was heißt das? Deutet da Göttingens Intendant vielleicht taktvoll an, die Göttinger könnten womöglich den armen, alten Winterstein mit dem Regenschirm auf den Kopf hauen, käme er aus dem sicheren, freien Ostberlin zur Ehrung in die Rabaukenstadt angereist? Um uns in der ZEIT und Hilpert am politischen Schreibtisch seines künstlerisch gewiß hochstehenden Theaters zu zitieren: "Der Atem stockt einem Josef Müller-Marein