Am 17. Januar wird in einem Festakt der Freien Universität Berlin dem Vorsitzenden des Vorstandes der Phoenix Gummiwerke AG, Generaldirektor Otto A. Friedrich, der Freiherrvom-Stein-Preis 1956 überreicht werden, der ihm im vergangenen Jahr für besondere sozialpolitische Verdienste verliehen wurde.

Er werde bald "der unpopulärste Mann der Bundesrepublik sein" – so prophezeite einst ein vor schwierige Aufgaben gestellter Großindustrieller. Neben erträglicher Kritik blieb von der Prophetie des damals 49jährigen – sollte er selbst sie jemals wirklich ernst genommen haben – nur diese rhetorisch reizvolle Wendung vor versammelten Presse. Das war in Bonn zur Zeit der Koreakrise. Der da sprach und sich selbst eine so dornenreiche Zukunft voraussagte, hatte seine Bestallung zum Rohstoffberater der Bundesregierung seit wenigen Tagen in der Tasche: Otto A. Friedrich, Generaldirektor der Phoenix Gummiwerke AG in Hamburg-Harburg. Mit der Technik des versierten Florettfechters alter Schule, mit überragendem Können, diplomatischem Geschick und Intuition meisterte er diesen delikaten Auftrag. Das bescheinigen Friedrich sogar die kritischsten Chronisten, und auch – was noch gewichtiger erscheint – die von der Rohstofflenkung damals am meisten betroffenen Werke der westdeutschen Eisen- und Stahlindustrie.

Der erfolgreiche Lebensweg des Herrn Friedrich, wie er sich schlichterweise anreden läßt, begann durchaus nicht mit dem Ziel, in die Industrie zu gehen. Als Sohn eines Universitätsprofessors der Chirurgie 1902 in Leipzig geboren, lag es schließlich näher, in väterliche Fußstapfen zu treten. Also studierte er Medizin. Seine Begeisterung für diese Fakultät war nicht eben groß, und so vertraute er seiner Mutter an, daß es zwar auch nach seiner Meinung eine schöne Aufgabe sei, den Menschen als Arzt helfen zu können, aber die Wurzel allen Übels läge doch auf sozialem und soziologischem Gebiet. Um dort Abhilfe zu schaffen, müsse man schon einen anderen Beruf wählen.

Nach dem Studium an den Universitäten Marburg, Königsberg, Frankfurt, Heidelberg, Berlin und Wien ging Friedrich aus Neigung zu einer praktischen Tätigkeit in die Wirtschaft. Das Berlin des Jahres 1925 sah ihn als kaufmännischen Lehrling, Ende 1926 schlug er seine Zelte in den USA auf. Kurz darauf fand er seinen ersten Job als Arbeiter bei einer großen Reifenfabrik (B. F. Goodrich Company, Akron/Ohio). Wenig später – er war gerade 25 Jahre alt geworden – übernahm Friedrich die Leitung der Geschäfte des Werkes in Deutschland und anderen europäischen Ländern. 1932 trennte er sich von Goodrich und übernahm bis 1939 die Geschäftsführung verschiedener Verbände der deutschen Kautschukindustrie. Kaum 37jährig wählte man Friedrich bereits in den Vorstand der Phoenix, und zehn Jahre später – 1949 – war er Vorstandsvorsitzer. Während des Krieges betätigte sich Friedrich von 1943 bis 1945 als Stellvertreter des Chefs der Berliner Reichsstelle Kautschuk.

Wenn es ein Geheimnis der persönlichen und geschäftlichen Erfolge dieses mittelgroßen, dezent und grazil wirkenden Industriellen gibt, dann ist es dieses; Friedrich ist eine harmonisch in sich ruhende Persönlichkeit, deren fundiertes Wissen nicht aufdringlich oder gar belehrend wirkt. Er ist ruhig, sachlich, nüchtern und voll menschlicher Wärme. Aber er ist auch Kritiker von Format, und wer Friedrich in der Diskussion erlebt hat, weiß sich einem harten, schlagfertigen, aber fairen Gegner gegenüber, dessen Formulierungen manchmal vielleicht nur ein wenig zu brillant und souverän klingen. Sein Wort von der "undogmatischen" Marktwirtschaft als der einzigen für Westdeutschland richtigen Wirtschaftsform hat insgeheim so manchen Widersacher auf den Plan gerufen, und seine recht heftige Kritik an der Bundesverkehrspolitik fand in verschiedenen prominenten Bonner Ohren nicht gerade ein freundliches Echo. Friedrichs zahlreiche mit Pioniergeist eingeführte Maßnahmen auf dem Gebiet der betrieblichen Sozialpolitik brachten schon manche wohltemperierte Vorstandssitzung aus dem Gleichgewicht.

Die Position des Generaldirektors mit den scheinbar unvermeidlich zahlreichen Nebenposten läßt auch Friedrich nur wenig Zeit zum privaten Dasein. Dennoch nimmt er sich die Zeit, mit Sachkenntnis gute Bilder zu sammeln, Artikel und Bücher zu schreiben und vielbeachtete Vorträge und Reden zu halten. Alles das bedarf einer exakten Ausarbeitung, und inmitten der Vorbereitungen für eine Rede hörte man schon den Stoßseufzer: die Politiker haben es gut, sie stehen einfach von ihrem Platz auf, gehen ans Rednerpult und sprechen über ein Problem nach dem anderen, frei und ohne besondere Vorbereitung...

Repräsentationsprunk ist nicht nach seinem Geschmack. Er schätzt und sorgt für eine freundlichruhige Atmosphäre; alles soll möglichst unauffällig sein. Da war beispielsweise die Sache mit dem neuen Wagen. Der-alte Kapitän sollte gegen einen Mercedes 300 ausgetauscht werden. Friedrich konnte sich lange nicht mit diesem Gedanken befreunden. Beharrlich vertrat er die Ansicht, daß, sollte wirklich ein neuer Wagen nötig sein, es vielleicht ein "220er" tun würde. Aus praktischen Erwägungen, vor allem wegen der vielen langen Autoreisen, wurde dann doch der "300er" angeschafft.

Friedrich ist es, wie nur wenigen anderen in ähnlicher Position, bis zum heutigen Tag gelungen, auch mit den Gewerkschaften, vor allem den örtlichen, in Frieden zu leben. Das will viel heißen, zumal sich die Argumente auf beiden Seiten durchaus nicht immer decken. Der Publizist Friedrich schreibt in seinem Buch über die Geschichte der Phoenix ("Ein Werk im Spiegel der Weltwirtschaft"), daß im Menschlichen die Wurzeln jener nicht verstandesmäßig faßbaren Elemente liegen, die das einzelne Unternehmen wie einen "Rocher de bronze" alle Stürme politischen und wirtschaftlichen Geschehens überdauern lasse. Daß dem Generaldirektor der Phoenix wegen dieser von ihm gelegten Oberzeugung durch die Verleihung des Freiherr-vom-Stein-Preises eine hohe Ehrung zuteil geworden ist, wird alle diejenigen mit Freude erfüllen, die in diesem Bekenntnis den Ausgangspunkt für eine fruchtbare Sozialpolitik innerhalb und außerhalb der Betriebe sehen. Achim Schulte-Herkendorf