Heftige Debatten um die Person des Göttinger Theaterintendanten Heinz Hilpert nicht nur in der Presse, sondern in der gesamten Öffentlichkeit hatten vor vierzehn Tagen begonnen, als er den Ostberliner Schauspieler Eduard von hinterstein zum Ehrenmitglied des Deutschen Theaters in Göttingen ernannte. In diesen Streit hatten auch wir in unserer vorigen Ausgabe vom 10. Januar mit der Glosse "Moralische Taktlosigkeit" eingegriffen, Heute nun bringen wir unseren Lesern eine ausführliche Erwiderung des Intendanten Heinz Hilpert auf diesen unseren Artikel zur Kenntnis, eine Erwiderung, die uns freilich zu einer nochmaligen Stellungnahme zwingt.

Ihr umfangreicher, wenn auch widersinniger Kommentar vom 10. Januar erzwingt in folgenden Punkten eine Erwiderung:

Wenn jeder von uns in dem ihm arbeitsmäßig vertrauten Bereich verharrte und den übrigen Dingen ihren Lauf ließe, wie sollen wir dann zu einer wirklichen Gemeinschaft von freien und sich verantwortlich fühlenden Menschen kommen! Mit. Ihrem biederen Ratschlag "Schuster, bleib bei deinem Leisten" (oder ins Ästhetische gewendet: "Bilde Künstler, rede nicht") werden wir die chaotische Zerrissenheit der gegenwärtigen Epoche niemals bannen können.

Was nun – weniger allgemein gefaßt – meine Auffassung von Demokratie betrifft, so will mir eines meiner demokratischen Grundrechte nicht aus dem Kopf, das da heißt: "Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden." (Artikel 17 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.) Dieses Grundrecht erscheint mir klar und eindeutig – verworren ist einzig Ihre verschiedene Wertung unserer Proteste gegen die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und gegen Schlüter. Denn auch bei der Ernennung des Herrn Schlüter zum niedersächsischen Kultusminister im Mai 1955 handelte es sich ja "um einen Beschluß, den die vom Volke gewählten Vertreter kraft ihres Mandats und nach einem völlig verfassungsmäßigen Verfahren gefaßt hatten". Formal war also alles in Ordnung – hier wie dort. Enthebt uns das aber unserer Verantwortung zum Protest – der im Fall Schlüter übrigens vorwiegend von der Universität ausging? Das Deutsche Theater hat sich damals dem mutigen Einspruch von Rektor, Senat und Studentenschaft der Georgia Augusta, der dann ein weltweites Echo fand, nur angeschlossen. (Ihre Darstellung des eigentlichen Sachverhalts läßt an dieser Stelle wie an manchen anderen an Korrektheit sehr zu wünschen übrig!) Und hat es denn bei der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht nicht überall in Deutschland warnende Gegenstimmen gegeben? Unser politisches Denken und Handeln endet doch wohl nicht mit dem durch die Wahl gegebenen Mandat an den Abgeordneten?

Doch zurück zum Anlaß Ihres Kommentars: der Ernennung Eduard von Wintersteins zum Ehrenmitglied des Ensembles des Deutschen Theaters in Göttingen (übrigens: durch das ganze Ensemble – ohne Einschränkung – nicht durch mich allein). Sie bezeichnen die Auszeichnung eines hochverdienten Menschengestalters zu diesem Zeitpunkt als eine "politische Instinktlosigkeit". Für mich lag der Sinn dieser Ehrung jenseits aller zeit- und weltanschauungsbedingten Schranken; wenn man sie durchaus politisch werten wollte, hätte sie in ähnlichem Sinne verstanden werden können, in dem der Bundespräsident alle deutschen Olympiasieger – auch die aus dem östlichen Teil Deutschlands – empfangen und ehren wollte: als ein Symbol der deutschen Einheit nämlich.

Hat nicht Anfang November 1956, also in einem Augenblick, in dem die Krise in Ungarn ihren Höhepunkt erreicht hatte, ein russischer Wissenschaftler die Hälfte des im Vorjahr verliehenen Nobelpreises für Chemie erhalten, und hat nicht der Göttinger Professor und Nobelpreisträger Otto Hahn, wie im Juli des vergangenen Jahres bekannt wurde, einen russischen Kandidaten für den Chemie-Nobelpreis 1956 vorgeschlagen? Müssen wir nicht trotz aller Rückschläge und Enttäuschungen immer wieder versuchen, die Einheit des Geistigen um jeden Preis zu wahren?

Ich komme auf Ihren letzten und schwersten Vorwurf, den des "mangelnden moralischen Taktes". An dieser Stelle reicht Ihr Deutsch nicht hin, um das auszudrücken, was Sie sagen wollen, und ist weiß Gott ein "verräterisches Symptom für Ihre verwischten Maßstäbe"; denn Takt ist die sich anpassende Rücksichtnahme auf vorgegebene Umgangsformen, Moral aber hat man oder hat man nicht.