Vor kurzem hat der sowjetische Außenminister Schepilow die Anlage von Golfplätzen in der Sowjetunion empfohlen und seinen Diplomaten angeraten, dieses Spiel zu erlernen. Zu Molotows Zeiten war es den Sowjetdiplomaten im Ausland verboten, sich auf einem Golfplatz zu zeigen. Molotow fürchtete die Gelegenheiten zu unbelauschten und unkontrollierbaren Gesprächen auf dem weiten grünen Rasen. Schepilow dagegen ist für zwanglose Kontakte seiner Diplomaten mit ihren westlichen Kollegen, weil er überzeugt ist, daß seine Leute dabei mehr erfahren würden als ihre Gesprächspartner. Ein sowjetischer Diplomat höheren Ranges ist tatsächlich so sorgfältig ausgewählt und so gründlich geschult, daß die Möglichkeiten einer pro-westlichen Beeinflussung sehr gering sind. Von dem Ausbildungsgang eines Sowjetdiplomaten, der unter anderem so nützliche Dinge umfaßt wie den Einbau von Abhorchgeräten und das Anzapfen von Fernsprechleitungen, handelt nachstehender, auf sorgfältigem Studium der zum Teil schwer zugänglichen sowjetischen Literatur beruhender Artikel.

Kein Staat in der Welt unterhält ein solches Mammutheer von Diplomaten wie die Sowjetunion. Das eigentliche diplomatische Korps hat die Stärke einer modernen Division (zwölftausend Mann); aber die jeder Botschaft, Gesandtschaft oder Handelsvertretung zugeteilten Chauffeure, Wachbeamten, Presseleute, Übersetzer usw., die alle einen Diplomatenpaß besitzen, lassen die Zahl des diplomatischen Personals noch wesentlich größer erscheinen. Wie sind aber die russischen Diplomaten einzuschätzen – was ist von ihnen zu erwarten? Wie werden sie ausgebildet, welches Rüstzeug erhalten sie?

Der sowjetische Hang, vieles vor fremden Augen zu verstecken, macht es nicht einfach, den Ausbildungsgang der sowjetischen Diplomaten zu verfolgen. Einen gewissen Anhalt vermittelt die letzte Ausgabe des zweibändigen Diplomatitscheskij Sslowar. Dort ist zunächst einmal über den Werdegang der "anderen" viel Interessantes zu erfahren. So zum Beispiel, daß in England bis 1920 noch ein jährliches Einkommen von mindestens 400 Pfund Sterling vom Bewerber für den Eintritt in den diplomatischen Dienst nach beendetem Studium in Oxford und Cambridge vorzuweisen war. Man erfährt auch, daß in Frankreich nach absolviertem Studium am Institut des Sciences politiques für den-Konsulardienst ein petit concours und für den Karriere-Diplomaten der g rand concours über den Eintritt eines Anwärters in den diplomatischen Dienst entscheiden. Der grand concours sei so schwer, daß ihn nur wenige bestünden. Im Deutschen Reich sei es nicht minder schwierig gewesen. Erst nach einer Reihe von Examina hätte der Kandidat den Titel eines Attachés erhalten. Einzig in der Sowjetunion sei das alles anders und besser:

Personen, die die erforderlichen Bedingungen erfüllen, werden in das Institut für Internationale Beziehungen (Institut Neshdunarodnych Otnoschenii), in die Diplomatische Hochschule (Wysschaja diplomatitscheskaja schkola) aufgenommen oder sogar unmittelbar in Dienst genommen, wenn ihre Ausbildung und ihre Kenntnisse als zufriedenstellend erkannt werden.

So heißt es in dem russischen Standardwerk.

Wenig "Eggheads"

Im "Institut für Internationale Beziehungen" finden sehr intensive Lehrgänge in den verschiedensten Fächern statt. Man lernt Chiffrieren und Dechiffrieren in verschiedenen Sprachen. Es gibt Lehrgänge für Morsetelegraphie, da die chiffrierten Berichte ja häufig gefunkt werden. Noch immer benutzen die Russen die Fünferzahlengruppen, an denen man die sowjetischen Telegramme im Äther leicht erkennen kann. Der Maschinenfunk, der in Deutschland schon vor dem Kriege im Gebrauch war, hat sich in der Sowjetunion noch nicht allgemein durchgesetzt. Dafür sind die Russen noch heute die manuell schnellstenMorsefunker. Auch im "Institut für Internationale Beziehungen" werden regelrechte Rekordfunker ausgebildet. Dazu kommen Lehrgänge im "Horchfunk" – das ist das Abhören des ausländischen Morse- und Sprechfunks. Natürlich gibt es auch Unterricht in der "Lausch-Fernsprechtechnik", die vom Anzapfen der Überland-Fernsprechkabel über ausgelegte Lausch-Kabelschlingen bis zum Einbau von Germanium-Transistoren (winzige Verstärker- und Sendeanlagen, die das Abhören von Gesprächen auf mehrere hundert Meter Entfernung ermöglichen) nahezu alles umfaßt, was für jede Art von Spähtätigkeit an technischen Kenntnissen notwendig ist.