Plaudereien vom Turnierplatz

Hans Günter Winkler wurde in den letztenJahren zweimal Weltmeister der Springreiter, gewann 1955 das Deutsche Springderby und erritt sich selbst und der deutschen Equipe bei den olympischen Reiterspielen in Stockholm – erheblich verletzt – die Goldmedaillen. Von den Ehrungen, die die Internationale Reiterei zu vergeben hat, gibt es kaum eine, die ihm nicht zuteil wurde, und sein Bild schmückt vieltausendfach die Wände in den Zimmern junger Mädchen.

Wenn Winkler ein Buch schreiben wollte, so gab es dafür keinen günstigeren Zeitpunkt als diesen: auf dem Gipfel einer Siegesserie, die sich wahrscheinlich kaum wird wiederholen lassen (Halla, das Pferd, das von Winkler großgemacht, seinen Reiter großmachte, wird bei den nächsten olympischen Spielen in Rom 16 Jahre alt sein und seinen Leistungshöhepunkt vielleicht schon überschritten haben):

Hans Günter Winkler: "Meine Pferde und ich", Wilhelm Limpert-Verlag, Frankfurt a. M., 114 S., 14,80 DM.

Das Buch erzählt den Werdegang eines jungen, begabten Reiters, der außer eiserner Energie und Intelligenz das Glück besitzt, zur richtigen Zeit an die richtigen Pferde zu geraten, schließlich an die Halla, die – einstmals eine "irre Ziege" genannt – heute als "das deutsche Wunderpferd" und "bestes Springpferd der Welt" apostrophiert wird,

Obwohl man das reichlich bebilderte Buch ungelangweilt in einem Zuge herunterliest, bietet es dem halbwegs erfahrenen Reiter kaum Offenbarungen. Sein wesentlicher Mangel aber ist leider nicht beweisbar. Er besteht darin, daß man das Gefühl nicht los wird, Winkler habe sich – bei der Federführung weniger selbstbewußt als bei der Zügelführung – beim Schreiben von irgendjemand anleiten lassen. Wohl jeder, der den Verfasser in den letzten Jahren kennenlernte, wird die gekünstelte kapitelweise Rückblenderei vonTurnierberichten auf Jugenderlebnisse, die illustriertenhaft verkürzten Perspektiven, die auf Effekte zielende Behandlung der Tempora oder den leicht banal-pathetischen "Fohlen auf der Weide"-Schluß kaum Winkler allein zuschieben können. Von einem Fachmann erwartet man fachliche Substanz. Man verlangt von ihm gar nicht jene immer etwas unangenehm wirkende, oberflächliche Wendigkeit eines mittleren Sportjournalisten. Das sei erwähnt, weil Winkler hoffentlich noch mehr schreiben wird, vielleicht über die genaue Beschaffenheit seiner Pferde, über die Methode ihrer Ausbildung, über das Fazit seiner großen Turniererfahrung oder dar- – über, wie sich das Können von Reiter und Pferd gegenseitig bedingt. Jürgen Petersen