Von Gösta von Uexküll

Was soll man mit einer Jugend machen, die den Jahresbeginn feierte, indem sie benzingetränkte Papiertüten auf Personenautos warf und diesen Unfug "Ungarnspielen" nannte, die Autos umkippte, Polizisten mit Flaschen und Konservendosen bombardierte, Schaufenster einschlug, Grabsteine umwarf und all das aus "purer Langeweile"? – So fragen in spaltenlangen Leitartikeln und Leserbriefen die schwedischen Zeitungen. – Und so fragen besorgte Geistliche in schwedischen Kirchen. Der Schauplatz dieser jüngsten "Halbstarkenkrawalle" war Schwedens gepflegte, wohlgeordnete Hauptstadt.

Ein böser Geist schien in die 2000 bis 3000 Jugendlichen gefahren zu sein, die zunächst ganz friedlich durch die hellerleuchteten, noch weihnachtlich geschmückten Straßen bummelten. Kein Rock-and-Roll-Film hatte sie aufgeputscht, keine vorzeitig abgebrochene Tanzvorstellung hatte, sie verärgert. In der Neujahrsnacht pflegtauch die sonst so strenge schwedische Polizei ein Einsehen zu haben. Sie schloß auch diesmal die Lokale erst gegen zwei Uhr morgens, statt wie üblich um Mitternacht. Man kam auch keiner kriminellen Jugendliga auf die Spur, und der Alkohol, der freilich seit der Lockerung der Restriktionen vor etwa einem Jahr in allzu reichlichen Strömen fließt, spielte keine oder doch nur eine sehr nebensächliche Rolle.

Anfangs war es nur Neugier. Es sprach sich herum, daß auf der Kungsgata (Königstraße) "etwas los war". Los war das übliche Silvester-Feuerwerk. Man ließ Knallfrösche los, entzündete Kanonenschläge und warf mit leuchtenden, knallenden und zischenden Sachen um sich. Das lockte Neugierige an, und bald waren an einer der verkehrsreichsten Stellen der Innenstadt genug Menschen beisammen, um den Verkehr zu stoppen und um – Zündstoff für eine regelrechte Massenpsychose zu liefern. Den Funken lieferte die Polizei selbst, als sie, teils zu Fuß, teils hoch zu Roß, mit geschwungenem (aber in der Scheide belassenem) Säbel auf die jungen Krawallmacher losging, um die Straßen für den Verkehr frei zu machen. Kaltes Wasser aus Feuerwehrspritzen wäre wahrscheinlich das psychologisch richtigere Mittel gewesen, aber die Luft war recht eisig in der Neujahrsnacht, und daß sich die jungen Skandalmacher eine Lungenentzündung holten, wollte man schließlich auch nicht.

In der Polizei hatten die Jungen eine Zielscheibe ihrer Angriffslust gefunden. Sie beschimpften die Uniformierten, und einige Erzrowdys kamen auf die törichte und gefährliche Idee, aus Papiertüten und Benzin "Molotow-Cocktails" zu machen und damit Polizeiautos, Taxis und parkende Privatwagen zu bewerfen. Die Geschmacklosigkeit, in diesem Zusammenhang von Ungarn zu reden, war schlimmer als der Streich selbst, denn die Wurfgeschosse waren harmloser als ihr Name, und niemand kam zu Schaden. Hinterher, beim Polizeiverhör, zeigte sich, daß es einfach zu verlockend gewesen war, von den Straßenbrücken irgend etwas Brennendes und Knallendes in den Verkehrsstrom zu werfen. Man wollte etwas erleben, was wenigstens so aussah wie Kampf und Gefahr, man wollte "Pulver riechen" – und sei es auch nur das Pulver von Knallfröschen: ein Anschauungsunterricht für Pädagogen und Psychologen. Für den Richter sprang kaum mehr dabei heraus als ein paar Strafverfügungen wegen groben Unfugs. Oft nicht einmal das! Die Unfugstifter waren in allzu zartem Alter.

An einer Stelle spielten die Jungen "Barrikadenkampf" mit umgeworfenen Marktkarren und Gemüsekisten, an einer anderen zogen sie die Oberleitungen der Autobusse vom Draht, und kippten parkende Autos um. Der Hauptspaß war bei alledem das Gefühl, daß es "verboten" war. Es war, als wollten die Jungen in dieser Silvesternacht sich schadlos halten für ein Jahr sozialer Fügsamkeit, schadlos nicht mit Schnaps, sondern mit grobem Unfug.

Als die Polizei mit Verstärkungen anrückte, war der Spuk rasch vorbei. Über hundert müde und recht zerknirschte Missetäter saßen auf den Bänken der Polizeiwachen. Bei den Verhören kam heraus, daß sie allen Schichten der Bevölkerung – von jungen Arbeitern und Angestellten bis zu Schülern und Studenten – angehörten, und als der Morgen des neuen Jahres graute, bot Stockholm wieder den gewohnten kühlen, gepflegten Anblick. Nur die aufgeregten Schlagzeilen der Zeitungen gaben Kunde von dem nächtlichen Vulkanausbruch.