Aus dem klassischen Altertum stammt die Überzeugung, daß in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne. Das sportliche Ideal unserer Zeit, das eine harmonische Ausbildung aller körperlichen und geistigen Fähigkeiten des Menschen fprdert, stützt sich auf den gleichen Gedanken. Auch für sportliche Hochleistungen sind körperliche Fähigkeiten schließlich nur eine wesentliche Voraussetzung. Die Leistung selbst hängt immer gleichzeitig von geistigen Kräften, vom Willen, von der Energie, der Konzentrationsfähigkeit und der Schnelligkeit des Reaktionsvermögens ab. Auch auf allen anderen Gebieten des organischen Menschenlebens stehen geistig-seelische und rein körperliche Vorgänge stets in einem ursächlichen Zusammenhang.

Tiefgreifende Wechselwirkungen

Die moderne Medizin hat dem Gebiet der allseitigen Wechselwirkung geistig-seelischer und körperlicher Erscheinungsformen ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet und sie unter dem Gesichtspunkt der Psychosomatik zusammengefaßt. Auf diesem weiten Feld neuester Forschungen spielt die Neurasthenie oder die Nervenschwäche eine wichtige Rolle, denn die organischen Leiden, die durch Nervenschwäche verursacht werden, beruhen nicht auf krankhaften Veränderungen der Organe. Lediglich die normalen Tätigkeiten oder Funktionen der Organe weichen von der Norm ab und geraten in Unordnung, die Organe selbst aber bleiben unversehrt erhalten. Die neurasthenischen Krankheitserscheinungen werden daher, im Gegensatz zu rein organischen Erkrankungen, auch zutreffend als funktionelle Gesundheitsstörungen bezeichnet.

Die Krankheit unserer Zeit

Ihrem Wesen nach besteht die Neurasthenie in einer Schwäche des Nervensystems, die mit einer gesteigerten Reizempfindlichkeit der Nerven zusammenhängt. Es liegt nahe, daß man die Neurasthenie deswegen als die Krankheit unseres Zeitalters bezeichnet hat. Für das Krankheitsbild des Neurasthenikers ist charakteristisch, daß bei ihm kleine Ursachen beliebiger Art, die für den Nervengesunden ganz belanglos sind, schon ausreichen, um einen gesteigerten Nervenreiz und mit diesem verbunden wechselnde Beschwerden, Schmerzen oder Funktionsstörungen hervorrufen.

Eine ganze Reihe von Beschwerden, die bald vorübergehend, bald wiederkehrend auftreter., lassen auf die schleichende Entwicklung dieser Krankheit schließen. Zu ihnen gehören anhaltender Kopfdruck, Schwächegefühl in den Beinen, Kreuzschmerzen, Herzklopfen, unregelmäßiger Appetit, unruhiger Schlaf und Neigung zu Schweißausbrüchen. Alle diese Erscheinungen sind zu einem wesentlichen Teil Folgen von übermäßiger Arbeitsanstrengung oder geistiger Überbeanspruchung. Zu einem anderen Teil beruhen sie auf dem schonungslosen Verschleiß unserer Nervenkräfte durch die fortschreitende Technisierung und Industrialisierung des täglichen Lebens.

Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, daß die persönlichen Anforderungen an jeden einzelnen heute größer sind als jemals zuvor, daß unser Leben von Tag zu Tag schneller und eiliger wird und daß Ruhe und Muße fremde Begriffe aus einer fernen Epoche geworden sind. Ein Zustand rastloser Ruhelosigkeit hat uns alle mehr oder weniger ergriffen, und wer im Wettlauf mit den anderen nicht zurückbleiben will, muß mitmachen, ob er will oder nicht. Es ist ein Wettlauf, in dem manchen Menschen die äußersten Nervenkräfte und die letzten Reserven abgefordert werden. Es ist ein Wettlauf, in dem schließlich fast immer die besseren Nerven den entscheidenden Ausschlag geben.