Da gibt es eine alte These, die noch heute die Menschen mit Angst erfüllt: nämlich die Behauptung von Th. R. Malthus, die Bevölkerung wachse in geometrischer Progression (1,2,4,8...), die Nahrungsmittelprogression aber nur in arithmetischer Progression (1, 2, 3, 4...), woraus notabene folgt, daß die Menschheit eines Tages verhungern werde.

Als Malthus im Jahre 1803 seine Lehren niederschrieb, hatte England einschließlich Wales eine Bevölkerung von rund neun Millionen Menschen, heute gibt es dort 45 Millionen. Aber nicht nur in England, sondern in der ganzen Welt hat sich die Bevölkerung seither (ja offenbar sogar seit eh und je) ständig vervielfacht. Heute werden auf der Erde alle 24 Stunden 70 000 Menschen zusätzlich geboren.

Die erschreckende Vorstellung, daß die Erdbevölkerung jedes Jahr um 25 bis 30 Millionen wächst, hat in unseren Tagen den Malthusschen Befürchtungen neue Nahrung gegeben. Noch nie schienen sie so gerechtfertigt – bis, ja bis jetzt Professor Fritz Baade sich mit Sachkenntnis, Logik und dem Rüstzeug der modernen Welternährungwirtschaft und Statistik an die Sache heranmachte und diesen Bereich dumpfen Gefühls und unbewußter Angst mit sachlichen Überlegungen und rationaler Erkenntnis zu durchleuchten begann.

Auf den 150 Seiten eines kleinen spannenden Ro-Ro-Bändchens (Fritz Baade: "Welternährungswirtschaft, Rowohlts deutsche Enzyklopädie" Nr. 29). erfährt man neben vielen historischen und geographischen Details, daß unser Erdball durchaus in der Lage ist, 65 Milliarden Menschen, ja sogar noch zehnmal mehr zu ernähren. Nicht, daß Baade behauptete, dies sei ein erstrebenswertes Ziel – die Beruhigung, nicht zu verhungern, wird sogleich verdüstert durch die Vorstellung eines neuen erschreckenden Begriffs: der "Wohnkapazität" dieser Erde; aber während er nachweist, wie diese hohe Erdenbürgerzahl theoretisch möglich wäre, erfährt man soviel über Stand und Möglichkeiten von Landwirtschaft und Ernährungswissenschaft in der Neuen und Alten Welt, daß es im höchsten Grade aufschlußreich ist, seinen Spekulationen und Deduktionen zu folgen. Marion Gräfin Dönhoff.