Von Wolfgang Krüger

Wer hätte es für möglich gehalten, daß wir uns mitten auf dem Wege eines bemerkenswerten wirtschaftlichen Wiederaufstiegs derartig zerstreiten würden, wie es jetzt der Fall ist? Die Produktion läuft auf hohen Touren, die Vollbeschäftigung ist seit langem erreicht, die Zahlungsbilanz wiegt schwer zu unseren Gunsten, das Portefeuille der Notenbank ist prall gefüllt mit Gold und Devisen, die Löhne und Gehälter steigen von Jahr zu Jahr um ansehnliche Prozentzahlen, die Arbeitszeiten werden kürzer, eine großzügige Rentenreform wurde beschlossen – und dennoch will es nicht gelingen, im nördlichsten Lande der Bundesrepublik die Räder wieder in Gang zu bringen, die vor nunmehr fünfzehn Wochen von den Gewerkschaften angehalten worden sind.

Es wird von Mal zu Mal unerfreulicher, sich mit dem Streik in Schleswig-Holstein zu befassen. Der Fahrer des Wagens, der mich vom Kieler Hauptbahnhof zum Gewerkschaftshaus fuhr, hatte für das, was in der vergangenen Woche in Schleswig-Holstein "passiert" ist, eine einfache, aber um so einprägsamere Formel: "Es mußte weitergestreikt werden, auch wenn das der Gewerkschaft gar nicht paßt. Die Bonzen haben wieder einmal den Arbeiter verraten. Erst machen sie große Versprechungen und dann setzen sie sich mit den Unternehmern an einen Tisch." Die Frage, wie und wann dieser Streik denn nun zu Ende gebracht werden könnte, blieb mit einem Achselzucken unbeantwortet.

Ich begegnete diesem Achselzucken an diesem Tage noch mehrere Male. Im Kieler Gewerkschaftshaus hat man zwar ein Rezept, und es soll ja nun über neue Schlichtungsverhandlungen praktiziert werden: "Wir müssen einen neuen und noch etwas verbesserten Kompromiß aushandeln, den wir unseren Leuten in einer neuen Urabstimmung anbieten können." Aber was geschieht dann, wenn die Arbeitgeberverbände der Metallindustrie nicht zu diesem neuen Kompromiß bereit sind oder jedenfalls nicht in dem Maße, wie es von den streikenden Arbeitern gefordert und erwartet wird, die ja nun das Heft an sich gerissen haben?

Zu verdenken wäre das den Arbeitgebern nicht. Mittlerweile sind immerhin drei Schlichtungsversuche an dem starren Nein der Gewerkschaften gescheitert. Und können die Unternehmer überhaupt noch ein weiteres Mal nachgeben, nachdem, von ihren Sprechern immer wieder erklärt worden ist, daß sie mit ihren Zugeständnissen an der Grenze des Tragbaren angelangt seien?

Es sind in den letzten Tagen mancherlei Überlegungen darüber angestellt worden, wie es zu dem sensationellen Ergebnis der Urabstimmung vom 30. Januar, mit dem die streikenden Arbeiter die Empfehlungen und Beschlüsse ihrer eigenen Funktionäre entgegen allen Erwartungen über den Haufen geworfen haben, hat kommen können. Es wird von starken kommunistischen Einflüssen gesprochen, von einer aus der Sowjetzone gelenkten und materiell gestützten Propaganda, die die Abstimmungsmaschinerie anders laufen ließ, als sie laufen sollte.

Ohne Zweifel hat diese Propaganda eine Rolle gespielt. Aber wir sollten uns die Erklärung dieser Rebellion, die in dieser Urabstimmung ihren Ausdruck gefunden hat, nicht zu einfach machen. Es ist wahr, daß die in den Untergrund getriebene KPD in den Auseinandersetzungen in Schleswig-Holstein eine willkommene Gelegenheit zur Agitation gesehen hat und diese Gelegenheit auch nutzte. Die Flugblätter und Plakate, die vor und in den Wahllokalen zur Ablehnung der Bonner Vereinbarungen aufriefen, waren sicher nicht aus den Taschen der streikenden Arbeiter finanziert worden. Aber die auf diesen und anderen Wegen gestreute Saat konnte ja wohl nur auf einem Acker aufgehen, der vorher dafür präpariert worden war.