Es kann den Gewerkschaften, in diesem Falle der IG Metall, der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie in ihrer Propaganda das Maß des Tragbaren in sachlicher und politischer Beziehung weit überschritten haben. Man weiß heute in den Gewerkschaftshäusern sehr gut, daß die von Jahr zu Jahr steigenden Masseneinkommen den Arbeitnehmern nicht gerade Lust zum Streiken machen. Schon vor einem Jahr wurde deshalb in Schleswig-Holstein mit der Popularisierung eines Wunschkatalogs begonnen, dessen Realisierung – alles in allem genommen und einschließlich des inzwischen perfekt gewordenen Bremer Abkommens – die Unternehmen an die 40 bis 50 v. H. der Lohnsumme kosten würde. Die Nichterfüllung dieser von vornherein illusorischen Forderungen wurde den Unternehmern als böser Wille zur Last gelegt. Als die Kessel der Erregung hochgeheizt waren, wurde nach allen Regeln höherer Strategie der Streik in Gang gebracht. In den "Kieler Streiknachrichten", die in vielen Tausenden von Exemplaren täglich verteilt wurden und die mittlerweile zu einem dicken Band der hohen Schule des Klassenkampfes angewachsen sind, wurden in Wort und Bild die Unternehmer an den Pranger der Mißachtung gestellt. Auf eine auch nur einigermaßen sachliche Unterrichtung wurde im Interesse der geschlossenen Durchführung des Streiks verzichtet.

Das mußte sich rächen. Als nach Abschluß der Bonner Verhandlungen die Streikführung versuchte, das Steuer herumzureißen, war es zu spät. Streikende Arbeiter sind keine Grenadiere, die man mit "Rechts um" und "Links um" kommandieren kann. Die Funktionäre wurden in den Versammlungen niedergeschrien. Der größte Teil der Nummer 65 der "Streiknachrichten", in der der Chef der IG Metall, Brenner, einen Tag vor der Urabstimmung zur Annahme des Bonner Kompromisses und damit zur Beendigung des Streiks aufrief, erreichte die Adressaten nicht. Ganze Pakete dieses Papiers wurden vom Lastwagen herunter verbrannt. Die IG Metall war das Opfer ihrer eigenen Propaganda geworden. Das anfangs so meisterhaft auf Kandare gerittene Streikroß war in vollem Galopp durchgegangen.

Niemand kann sich darüber freuen. Denn dazu ist die jetzt entstandene Situation nun doch zu ernst. Nicht genug damit, daß diese Auseinandersetzung uns mit dem sehr gewichtigen Problem konfrontiert hat, daß eine organisierte Minderheit die durch die gewählte Volksvertretung repräsentierte Mehrheit unter Druck setzt. (Die Hauptforderung der Streikenden – Lohnfortzahlung auch für die Arbeiter im Krankheitsfall – soll und wird, wahrscheinlich in Kürze, im Bundestag durch Gesetz geregelt werden.) Nunmehr werden auch die Funktionäre dieser Gruppe selbst von ihren eigenen Wählern, die ihnen ihr Vertrauen gaben, attackiert. Das im Kampf der Parteien und Interessenverbände so unbekümmert geschürte Mißtrauen gegen alles, was oben sitzt, treibt die Demokratie in den Exzeß der Perfektion ...

Wie aber ist aus diesem Debakel herauszukommen? Wenn die Tarifpartner dem Weiterbestehen der Tarifautonomie noch eine Chance geben wollen, dann werden sie, in letzter Minute, nun in einer äußersten Kraftanstrengung alles daransetzen müssen, diesen Streik in eigener Regie doch noch zu einem Ende zu bringen. Da die Gewerkschaftsführung, wie das Votum ihrer Mitglieder gezeigt hat, nicht mehr Herr ihrer Entschlüsse ist, werden es letzten Endes also die Arbeitgeber sein, die, im Interesse dieser Tarifautonomie, zu einer nochmaligen Konzession sich werden bereitfinden müssen. Anders wird die von den Gewerkschaften in den Sumpf gefahrene Karre nicht wieder auf festen Boden zu stellen sein.

Viele ökonomische Gründe mögen dagegen sprechen. Politische Überlegungen lassen es wünschen, daß die Arbeitgeber in neuen Verhandlungen den Gewerkschaften die Möglichkeit geben, die entglittenen Zügel wieder in die Hand zu bekommen. Denn mit das Schlimmste, was uns im sozialen Raum passieren könnte, sind ja wohl Gewerkschaften, die nicht mehr das Vertrauen der Massen hinter sich haben.