Die Deklaration der Sowjetregierung über die Neuordnung der Beziehungen zwischen "sozialistischen" Ländern gab auch in der Tschechoslowakei den Anstoß dazu, Forderungen gegenüber Moskau in offener Weise zu erheben. Die Sowjetregierung hatte in ihrer unter dem Druck der Ereignisse in Polen und Ungarn am 30. Oktober 1956 veröffentlichten Deklaration ihre Bereitschaft bekundet, mit den Regierungen der übrigen "sozialistischen" Länder über Maßnahmen zu verhandeln, die "alle möglichen Verletzungen des Grundsatzes der nationalen Souveränität, der gegenseitigen Begünstigungen und der Gleichberechtigung in wirtschaftlichen Beziehungen beseitigen" sollen. Dieser Grundsatz müsse, so hieß es in der Deklaration wörtlich, auch für die sowjetischen Berater gelten.

In der Tschechoslowakei gibt es sowjetische Berater in größerer Zahl (außer in der Armee) nur im Uranbergbau. Die seit langem in Gewerkschaftskreisen geführten Debatten über deren Sonderrechte, die das Gebiet um Joachimsthal zu einer sowjetischen Enklave machten, veranlaßten die offiziellen Stellen Prags kurz vor Weihnachten, erstmals Einzelheiten über diesen strategisch sehr wichtigen Bergbau bekanntzugeben. Dabei wurde festgestellt, daß die Tschechoslowakei 1945 weder Mittel noch Fachkräfte zur Wiederaufnahme des Betriebes in den Pechblendeminen besaß. Dieser Aufgabe hatte sich daher die UdSSR unterzogen, die heute das Uranerz zu Welthandelspreisen (d. h. zu denselben Preisen, zu denen Belgisch-Kongo Uranerz an die USA liefert) abnimmt, da es in der CSR keine Verarbeitungsanlagen gibt. In der Sowjetunion wurden inzwischen tschechische Ingenieure ausgebildet, die heute einige Schächte leiten. Die technische Einrichtung des Uranbergbaues wurde mit sowjetischen, schwedischen, finnischen und auch tschechoslowakischen Maschinen modernisiert. Die Spitzenlöhne der Bergleute in Joachimsthal erreichen bis zu 10 000 Kcs monatlich, das ist ungefähr das Siebenfache der Durchschnittslöhne der Industriearbeiter. Der Beweis, daß der Uranbergbau einen Aktivposten der tschechoslowakischen Wirtschaft darstellt, ist jedoch nicht gelungen, da nur vom Weltmarktpreis für Uranerz, nicht aber von der Höhe der Kosten die Rede war, die von der UdSSR der Tschechoslowakei für die Leitung und Ausrüstung des Bergbaues angerechnet werden. Die Prager Armeezeitung "Obrana Lidu" ließ sogar durchblicken, daß sich die Tschechoslowakei angesichts der deutschen Gefahr die Sicherheit des Landes etwas kosten lassen müsse, weswegen die Preise von Uranerz nicht entscheidend seien...

Auch im übrigen Warenaustausch mit der Sowjetunion, der mit einem Wert von 5,5 Mrd. Kcs mehr als ein Drittel des gesamten Außenhandels der CSR bildet, werden die Preise als ein wichtiges Problem betrachtet. Die Bevölkerung der Tschechoslowakei erklärt sich ihren niedrigen Lebensstandard durch die Tributzahlungen an die Sowjetunion. Man weiß genau, was Jugoslawien 1949 über die Praktiken des sowjetischen Außenhandels bei der Erstellung der Preise aufgedeckt hat und daß der polnische Ministerpräsident Gomulka bei den letzten Verhandlungen in Moskau eine Nachzahlung für die unterbewerteten polnischen Kohlenlieferungen aus den Jahren 1946 bis 1953 erreichte. Um der steigenden Unzufriedenheit mit der einseitigen Preisfestsetzung durch die Sowjetunion zu begegnen, wurde der Abteilungsleiter für den Rußlandhandel im Prager Außenhandelsministerium, Ing. Miroslav Stribrsky, veranlaßt, dieses bisher streng geheimgehaltene Thema zu erörtern. Er behauptete, die Preise für die gegenseitigen Lieferungen würden auf der Grundlage der Weltmarktpreise und der Hinzurechnung der Hälfte der Transportkosten gebildet. Dies seien gerechte und ausgewogene Equivalentpreise, die gegenüber den üblichen Weltmarktpreisen den Vorteil hätten, daß sie von Spekulationseinflüssen frei sind, denn sie gelten mindestens ein Jahr und in den meisten Fällen für einige Jahre voraus. Die Berechnungen hätten ergeben, daß der Handel mit der UdSSR um 5 bis 15 v. H. preislich günstiger sei, als wenn man ihn unter den auf dem Weltmarkt üblichen Bedingungen realisierte.

Der Pferdefuß scheint jedoch in der Berechnung der Transportkosten zu liegen. Die Sowjetunion lieferte 1955 260 000 Waggons vorwiegend voluminöser Rohstoffe und Getreide, die CSR dagegen nur 26 000 Waggons, meist mit Maschinen beladen. Wie der Weltmarktpreis im einzelnen festgesetzt wird, hat Ing. Stribrsky nicht bekanntgegeben. Für die Preisrelation spricht folgender Fall: 1955 wurden in der Werft der südslowakischen Donaustadt Komorn sechs Passagierschiffe und sechs Schlepperschiffe für die Sowjetunion gebaut. Für ein eingerichtetes Schiff, das für den Wolgaverkehr bestimmt ist, lieferte die Sowjetunion 10 606 t Weizen oder 975 t Baumwolle. Der Wert eines nach sowjetischen Plänen in Waggons installierten E-Werkes wird von tschechischer Seite mit 15 455 t Weizen oder 1420 t Baumwolle beziffert. – Im abgelaufenen Jahr (1956) lieferte die Sowjetunion angesichts der schweren Krise der zu einem Drittel kollektivierten tschechoslowakischen Landwirtschaft 42 000 Waggon Brotgetreide, 16 500 Waggon Futtermittel, 500 Waggon Fleisch und 250 Waggon Butter. Die Baumwollieferungen betrugen 46 000 t, die Wolllieferungen reichen für eine Produktion von 19 Mill. Meter Stoff aus.

Erst kürzlich gelang es der tschechoslowakischen Textilindustrie, die sich nach dem Krieg im Osten ein Absatzgebiet für "Kilometerware" erhoffte, sich in den Handel mit der Sowjetunion in verstärktem Maße einzuschalten. Es wurden größere Mengen von Textilien, Konfektion und Schuhen gegen sowjetische Fernsehgeräte, Uhren und Photoapparate, aber auch gegen Erdöl und Holzlieferungen abgesetzt. Damit hat sich die Sowjetunion auch gegenüber der CSR nachgiebig gezeigt, denn seit Jahren wurde ihr vorgeworfen, daß sie vorwiegend wertvolle Maschinen beanspruche und sich den Lieferungen von Konsumgütern aus der Tschechoslowakei widersetze. Die Abhängigkeit der Tschechoslowakei von der Sowjetunion hat sich in den letzten Wochen infolge des Ausbleibens polnischer Kohlenlieferungen noch weiter verstärkt. Die Sowjetunion hat sich bereit erklärt, eine wirksame Hilfe zu leisten. Es hat den Anschein, daß sich die Position der volksdemokratischen Staaten gegenüber der UdSSR in der letzten Zeit wesentlich verstärkt hat. Die offen geführten Debatten in der Tschechoslowakei um die Kernprobleme der Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion lassen darauf schließen, daß auch die Tschechoslowakei bemüht ist, von der Sowjetregierung endlich Zugeständnisse zu erreichen. O. T.