L. N., Hamburg

Als der olivgrüne Bus das Kasernentor passiert, schauen zwei ältere Männer in Phantasieuniformen neugierig auf die ungewohnte, gemischte Gesellschaft von Zivilisten und einigen Offizieren der Bundeswehr. Früher wäre mindestens eine "zackige" Ehrenbezeigung fällig gewesen. Denn wir befinden uns jetzt in der Graf-Goltz-Kaserne in Rahlstedt bei Hamburg, in der heute ein Panzerbataillon der Bundeswehr ausgebildet wird. Der Kommandeur erklärt nach ein paar herzlichen Begrüßungsworten sehr bestimmt, man wolle, wie das in der Fachsprache heißt, hier keinen "Türken" vorführen; das bedeutet: es sind keinerlei besondere Feinheiten vorbereitet worden, die etwas vortäuschen könnten.

Der erste Besuch gilt dem Krankenrevier. Es ist mit den modernsten Bestrahlungsgeräten ausgestattet. Der zuständige Arzt versichert freilich sogleich, daß der Gesundheitszustand der Rekruten ausgezeichnet sei. Vor allem – man muß dabei allerdings berücksichtigen, daß es sich durchweg um Freiwillige handelt – gibt es hier kaum irgendweiche Drückeberger.

In dem sogenannten "lebenskundlichen Unterricht" – die Klasse besteht etwa aus 20 jungen Leuten – behandelt Pastor Preuss aus Rahlstedt das Thema: "Was ist der Sinn des Lebens? – oder – Ist alles für die Katz?" Besprochen wird heute Wolfgang Borcherts erfolgreiche Nachkriegstragödie des Unteroffiziers Beckmann "Draußen vor der Tür".

Dieser "lebenskundliche Unterricht" wird – nach Konfessionen getrennt – zweimal im Monat von Geistlichen erteilt. Sein Besuch ist freiwillig, aber bis heute nehmen alle Rekruten daran teil. Hat jemand keine Neigung dazu, so wird er keineswegs zum Arbeitsdienst in der Küche eingeteilt.

Die meisten Militärseelsorger sind ehemalige Offiziere, deren Theologiestudium entweder durch den Krieg unterbrochen wurde oder die sich erst nach dem Krieg dafür entschieden haben. Sie haben – entgegen ihrer früheren Stellung – keinen Dienstrang; sie sind also weder jemandem übernoch untergeordnet.

Die militärische Grundausbildung dauert drei Monate. Anschließend dürfen die Rekruten zum Ausgang Zivilkleidung tragen. Zugleich beginnt dann die technische Spezialausbildung am M-47, einem 45-Tonnen-Panzer mit zwei Maschinengewehren, einer 90-Millimeter-Kanone und fünf Mann Besatzung. Vorläufig gilt dieser Typ nicht nur als Ausbildungs-, sondern auch als Gefechtspanzer. Für die Zukunft erwartet man jedoch einen 30-Tonnen-Kunststoffpanzer. Der M-47, ein US-Parallelmodell des britischen Centurion, verbraucht mit seinem 800-PS-Motor nicht weniger als 700 Liter Benzin bei Straßenfahrt. Im Gelände sind es erheblich mehr.