Die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt, vormals Roessler, Frankfurt am Main, ist dafür bekannt, daß sie in ihren Geschäftsberichten zu den großen Fragen der Wirtschaftspolitik nur insoweit Stellung nimmt, wie ihr eigenes Geschäft wesentlich durch sie berührt wird. Wenn die Gesellschaft im ersten Absatz des Jahresberichtes 1955/56 darauf hinweist, daß sie viel Mühe und viel Geld aufgewendet hat, um ihre Produktion zu rationalisieren und die Erzeugnisse zu verbilligen, daß aber die dadurch erreichten Ersparnisse reichlich durch Kostensteigerungen aufgezehrt wurden, auf die die Degussa keinen Einfluß hat, so wird man dies weit über den Bereich der direkt angesprochenen Aktionäre als eine ernst zu nehmende Mahnung anzusehen haben. Als kostensteigernde Faktoren nennt sie außer den erhöhten Preisen für Vor- und Hilfsmaterialen vor allen Dingen erhöhte Löhne und Gehälter. Auf die Dauer sei es ihr, so betont die Degussa, nicht möglich, ihre Preise zu halten, wenn ihre Aufwendungen weiter steigen. Solche Feststellungen, von einem Haus getroffen, dem es ernst ist mit der Forderung nach Maßhalten und dessen Geschäftspolitik niemals auf eine kurzfristige Ausbeutung sich bietender Marktchancen ausgerichtet war, lassen keine Zweifel mehr darüber bestehen, daß die Gefahr einer Preiserhöhungswelle höchst aktuell geworden ist.

Mit dieser Feststellung ist nun aber nicht gesagt, daß die Degussa etwa aus lauter Idealismus schlechte Geschäfte gemacht habe. Das Gegenteil ist der Fall. Sie legt in diesem Jahre eine Bilanz vor, aus der alle Andeutungen einer künftig möglich werdenden Anspannung verschwunden sind. Das ist das Ergebnis der im vergangenen Jahr durchgeführten Kapitalerhöhung von 76,5 auf 102 Mill DM. Das Anlagevermögen wird nunmehr wieder vom Grundkapital allein weitaus überdeckt. Die Beteiligungen, die bei diesem Konzern eine bedeutsame Rolle spielen, zeigen größere Zugänge, die aber weitgehend wieder unter Einsatz außergewöhnlicher Einnahmen abgeschrieben würden, was zu einer Verstärkung der inneren Reserven des Unternehmens beigetragen haben dürfte. Die durch die Kapitalerhöhung gewonnenen langfristigen Mittel wurden zu einem guten Teil bereits im vergangenen Jahr investiert.

Das gute Geschäftsjahr findet seinen Ausdruck in einer Ertragsrechnung, dessen Seiten sich gegenüber dem Vorjahr um 16 Mill. DM verlängert haben. Es verblieb ein Reingewinn von 10,8 Mill. DM, von denen 8,9 Mill. DM zur Ausschüttung einer Dividende von 10 v. H. (im Vorjahr 9 v. H.) bereit standen, während 2 Mill. (1,4) auf neue Rechnung vorgetragen wurden. Nicht ein Aktionär beantragte in der HV, die über die Gewinnverteilung zu beschließen hatte, diesen Vortrag für eine weitere Gewinnverteilung zu verwenden. Hieraus mag man ersehen, daß eine HV, auch wenn das AK sehr breit gestreut ist, gern den Vorschlägen der Verwaltung folgt, sofern diese nur über die Jahre hin den Beweis erbracht hat, daß sie das Interesse der Aktionäre im Auge hat. Hierzu aber gehört in erster Linie Offenheit den Aktionären gegenüber. Für sie wurde auf der Generalversammlung durch die Ausführungen des Vorsitzenden des Vorstandes, Generaldir. Schlosser; erneut ein Beweis erbracht, als er klar die Gründe darlegte, die die Verwaltung bewogen haben, von dem vor dem Kriege jahrelang verfolgten Prinzip einer gleichbleibenden Dividende abzuweichen und zum Grundsatz einer flexiblen Dividendenpolitik überzugehen! Die Degussa hält es für die Zukunft für richtig, sich bei ihren Dividendenvorschlägen vor allem nach dem Ergebnis des jeweiligen Jahresabschlusses zu richten. Man werde selbstverständlich bemüht sein, meinte Schlosser, die Dividende so hoch wie möglich zu halten, ohne daß dafür allerdings eine Garantie übernommen werden könne, daß nicht auch einmal das Jahresergebnis dazu zwinge, mit der Dividende wieder herunterzugehen. W . R.