Hölderlins Trauerspiel "Der Tod des Empedokles", in Stuttgart wieder aufgeführt, ist ein dramatisches Gedicht klassischer Form, seine Sprache ein Aufbruch zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Wohl kann diese Sprache noch spannungslos sein, aber als Stimme der Leidenschaft oder ihrer Überwindung, der Verkündigung, sind die Schwingungen überpersönlicher Kräfte in ihr hörbar. Die Personen könnten mit Masken gespielt werden, im strengen Stil sprechen und sich bewegen.

Gert Westphal hat, obgleich sehr tüchtige Arbeit, doch nur die Hälfte des Möglichen geleistet: er hat den schwer faßlichen Sinn des Empedokles-Torsos als Spielleiter geklärt, er hat die dramatische Kraft in dem unvollendeten Drama noch über das Sichtbare hinaus angedeutet. Doch ist er nicht der Gefahr entgangen, die Größe des Vorwurfs dadurch zu mindern, daß er ein Charakterdrama hat spielen lassen. Die Verlockung dazu liegt nahe. Nur ergibt sich dann, daß gewisse Figuren und sogar Szenen, die sich einfach nicht individualisieren lassen, ohne Resonanz bleiben. Beweis wäre in Westphals Inszenierung etwa die vor dem Vorhang zu dreien gesprochene Szene der Vestalinnen und des Pausanias. Hier wurde deutlich, daß man in der ersten Szene in der Charakterisierung der Priesterinnen schon zu weit gegangen war und daß Pausanias als des Empedokles Schüler besser gewesen wäre, wenn er stark und klar anstatt mit halbem Konversationston und Verlegenheitsbewegungen gesprochen hätte. Das gilt auch vom Archonten Kritias.

Zwei dramatisch gut angelegte und sehr bewegende Szenen, die Verstoßung des Empedokles und dann der Versuch, ihn wieder zu versöhnen, erzielen dagegen die größte Wirkung. Empedokles erscheint zunächst als Opfer seiner Hybris, verstört und alles dessen beraubt, was ihm unter dem Volke Anhang und Einfluß verschaffte. Leicht gelingt es dem machthungrigen Priester, die Verbannung durchzusetzen. Später hingegen unterliegt Hermokrates dem anderen, der den Frevel, sich aus dem Ganzen der Natur entfernt zu haben, allein mit dem frei gewählten Tod glaubt sühnen zu können. Die schwierige Rolle des Empedokles hat ihre zwei Seiten, denen Ludwig Anschütz, ohne seine Schuld allerdings, nicht völlig gerecht werden konnte. Denn es ist unendlich schwer, den Leidenden des ersten Teils, den Verstörten, so darzustellen, daß er seinen Gegnern gegenüber die innere Größe bewahrt. Im zweiten Teil aber muß der Spieler die wiedergewonnene innere Sicherheit, die Güte und Weisheit deutlich machen und das Seherwort des Dichters verkünden. Leichter war es für Benno Sterzenbach, einen Großinquisitor Schillerscher Prägung in seinem pfäffischen Hermokrates zu verkörpern.

Wenn ein solches Stück in unserem heutigen Theater erscheint, findet es ein Publikum, das sich mit dem Text offenbar vertraut gemacht hat und Größe und Bedeutung des dichterischen. Wortes in die Bühnenvorgänge hineinzusehen vermag – mögen diese auch Mängel haben. So wurde die Aufführung mit dankbarem Beifall belohnt. Oskar Jancke